Montag, 18. Mai 2015

El Salvador - eines der angeblich gefährlichsten Länder der Welt

Wie oft passiert es während so einer langen Reise, dass man ursprünglich gedachte Routen nicht einhält. Mir geht es spätestens seit meiner Ankunft in Guatemala so. Je mehr Menschen ich unterwegs kennen lerne, desto mehr komme ich auf neue Ideen und verwerfe vorherige Meinungen. Ein gutes Beispiel dafür ist mein einwöchiger Aufenthalt in El Salvador, dem von der Fläche her kleinsten Land Zentralamerikas. Vor und zu Beginn meiner Reise nannte ich dieses Land immer auf der Liste der Länder, die ich nicht vor hatte zu besuchen. Zu gefährlich, zu viel Gewaltpotential, zu viel Bandenkriminalität ... das ist das, was man so über El Salvador hört und liesst. Mich stimmten zwei Dinge um. Zum einen erfuhr ich von vielen Seiten, dass die Salvadorianer zu den freundlichsten und herzlichsten Völkern Zentralamerikas gehören. Hinzu kam noch, dass Cecilia und Cecilio (das Hotelbesitzerpaar aus Monterrico aus - siehe Ende letztes Kaptitel) mich zu sich nach Hause in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador, einluden. 
Zwischen den Hauptstädten Guatemala-Stadt und San Salvador sind es gerade mal 5 Stunden Fahrt im bequemen Reisebus, inklusive der Wartezeit an der Grenze beider Länder. 
Nach meiner Ankunft holten mich Cecilia und Cecilio vom Busterminal ab und wir fuhren zunächst zu ihnen nach Hause, da Cecilio und ich uns das Champions League Halbfinal-Spiel Juventus Turin - Real Madrid ansehen wollten. Auch am darauf folgenden Tag war Fußball Thema des Tages, nämlich das andere Halbfinale FC Barcelona - FC Bayern München. Das Ergebnis von 3:0 zugunsten der Spanier freute natürlich Cecilio, mich dafür um so weniger. Dann hatte ich aber auch erstmal genug von Fußball. Ich schaute mir zusammen mit Cecilia noch ein wenig das Zentrum der Hauptstadt an. Hier geht es laut und chaotisch zu, andererseits ist es eines der wenigen Bereiche der Stadt, die noch den ursprünglichen Flair haben. 


In den meisten anderen Stadtvierteln überwiegt mittlerweile der Kommerz von amerikanischen Handels- und Fast-Food-Ketten. Es wird für mich immer ein Rätsel bleiben, dass in so vielen Großstädten Lateinamerikas die Konsummöglichkeiten immer größer werden, während der Großteil der Bevölkerung hungert und nie lesen und schreiben lernen wird. In El Salvador kommt hinzu, dass seit nunmehr 11 Jahren der US-Dollar als Landeswährung gilt. Das ergibt überhaupt keinen Sinn und wenn man es genau nimmt ist es sogar komplett widersprüchlich. Die Mara Salvatrucha und die Mara-18, zwei der bekanntesten Jugendgangs Zentralamerikas mit salvadorianischer Mitgliedermehrzahl entstanden in Kalifornien in den 80er Jahren, in der Zeit als in El Salvador Bürgerkrieg herrschte und tausende Salvadorianer in die USA flüchteten. Nach Beendigung des Bürgerkriegs, der von der US-Regierung sogar durch Waffenlieferungen unterstützt wurde, wurden eine Vielzahl der straffällig gewordenen Salvadorianer wieder in ihr Heimatland abgeschoben. Die Gewaltbereitschaft der Mara-Gangs wurde in deren Heimat dadurch nur größer und mittlerweile führen die USA beide Gangs, die sich vor allen untereinander bekriegen, in der schwarzen Liste international krimineller Organisationen. Ich persönlich finde es schade, dass El Salvador durch Negativschlagzeilen in Verruf geraten ist und daher vielende Reisende dem Land fernbleiben. In der Tat ist es ein wunderschönes Land, was einiges zu bieten hat, auch wenn es nicht ganz einfach ist, es als einzelner Backpacker zu bereisen. Bis auf das Transportangebot in die Nachbarländer, gibt es keine Reisebusse, sondern nur die berüchtigten Chickenbuses. 
Nach meinem zweitägigen Aufenthalt in der Hauptstadt, stieg ich in einen dieser Hühnerbusse nach Playa El Tunco an der Pazifikküste. Der dortige Strand ist bezaubernd und bietet beste Bedingungen für Surfer. Leider wurde es auch diesmal nichts mit einem Surf-Anfängerkurs. Knapp eine Woche zuvor hatte hier nämlich ein Mini-Tzunami stattgefunden, weshalb die Küste zum Zeitpunkt meines Aufenthalts noch größtenteils aus kopfgroßen Steinen bestand und somit die Bedingungen für Surfanfänger ungeeignet waren. 


Meine letzte Station in El Salvador war die Ruta de las Flores (Blumenroute) im Nordwesten des Landes. Hierbei handelt es sich um eine 36 km lange Gebirgsstraße. Die bunte Vegetation mit zahlreichen Wasserfällen und Vulkanen im Hintergund wirkte auf mich nicht nur einladend, sondern vor allem überaus friedlich. Von dem Gedanken, es handele sich hierbei um eines der gefährlichsten Länder der Welt, war ich hier weit entfernt. Ich ließ mich in Juayúa nieder, einem der kleinen kolonialen Dörfer entlang der Blumenroute. In meinem Hostel hatte ich das Glück mich mit César, dem jungen Besitzer des Hostels, anzufreunden. Am Muttertagnachmittag, als er und zwei Freunde von ihm sich entschlossen hatten ins 15 km entfernte Ataco zu fahren um sich ein Jazzkonzert anzuhören, lud er mich ein mitzukommen. Selbstverständlich sagte ich zu. Allein schon die Mitfahrt auf der Ladefläche des Pickups von César war es wert. In Ataco erfreute ich mich neben dem Jazzkonzert an dem Anblick der mit Kunst bemalten Häuser. 


An meinem letzten vollen Tag in El Salvador machte ich noch eine Tour durch den umliegenden Urwald, vorbei an mehreren kleinen Wasserfällen. Dies war wahrlich kein Spaziergang und ohne den Guide wäre dies undenkbar gewesen. An einem der Wasserfälle musste ich mich sogar abseilen, wohlgemerkt ohne Sicherung. 



Am Tag drauf fuhr ich über mehrere Umwege zurück nach Guatemala, was geografisch gesehen eigentlich unsinnig war, denn meine Reise sollte ja stets Richtung Süden gehen. Doch es gab in Guatemala-Stadt noch etwas sehr wichtiges für mich zu erledigen, was vorher zeitlich nicht möglich gewesen war. Vor meiner Abreise aus Deutschland hatte ich bei meinen Abschieden Geld gesammelt. Dies wollte ich PROCEDI spenden. Saskia und die Direktorin des Projekts schlugen mir vor, damit einen Ausflug mit den Kindern zu finanzieren. Also ging es zwei Tage nach meiner Rückkehr aus El Salvador mit den Kindern zu einer dem Projekt nahegelegenen Fußballanlage mit Kleinfeldern aus Kunstrasen. Diese wurden für drei Stunden gemietet um ein Turnier zu veranstalten. Die Kinder hatten einen riesen Spaß. Mit dem Geld wurden außerdem Getränke, Essen und Eis eingekauft. Es war auf meiner Reise der bis dahin für mich emotionalste Moment, die Kinder so fröhlich und so viel Spaß habend zu sehen. 


An dieser Stelle möchte ich meinen Freunden und Ex-Kollegen aus München für die Spenden tausend mal danken. Mit eurer Unterstützung habt ihr Kindern einen wundervollen und unvergesslichen Tag bereitet.





Mittwoch, 6. Mai 2015

Ciudad de Guatemala - Besuch bei einer guten Sache

Was hatte ich nicht alles über diese Stadt gehört und gelesen. Dreckich, gefährlich und verkehrstechnisch ein absoluter Supergau - in der Summe waren das die meist genannten Erläuterungen zu Guate, so wie die Hauptstadt Guatemalas von Einheimischen oft genannt wird. "Was um Gottes Willen willst du dort?" Diese Frage wurde mir seit meiner Ankunft in Guatemala oft gestellt, nachdem ich erzählte, dass ein mehrtägiger Besuch von Guate für mich ganz oben auf der Prioliste stehen würde. 
Tatsächlich gab es für mich einen sehr guten Grund diese Stadt aufzusuchen. Meine Exfreundin Saskia war hier über drei Jahre lang Leiterin des Schulsozialprojekts PROCEDI (www.procedi.de). Das Projekt wird u.a. unterstützt durch Patenschaften in Deutschland. Durch diese Hilfe bekommen Kinder, die mit ihren Familien in einem Armenviertel in Guatemala-Stadt wohnen, eine Schulausbildung.
Saskia und ich lernten uns nach ihrer Rückkehr nach Deutschland kennen, als sie für das Projekt ehrenamtlich tätig war. Während unserer Beziehnung äußerte ich mal den Wunsch, ebenfalls PROCEDI durch eine Patenschaft zu unterstützen. So kam es, dass Saskia mir eine Patenschaft vor vier Jahren vermittelte. Für mich bestand nie ein Zweifel, dass ich mit einem kleinen Bruchteil meines Gehalts viel Hilfe bewirken könne, auch nicht nachdem Saskia und ich uns trennten. Mittlerweile ist sie wieder hier her gezogen und unterstützt weiterhin PROCEDI in beratender Funktion. 
Ich freute mich schon seit Tagen auf das was kommen würde, nicht nur mein Patenkind endlich persönlich kennen zu lernen, sondern das Projekt, von dem mir Saskia immer sehr viel erzählt hatte, persönlich besuchen zu können. Am 29. April war es endlich so weit. Saskia holte mich sogar persönlich mit dem Auto in Antigua ab. "Es freut mich dich zu sehen. Du siehst ja sehr erholt aus. Das Langzeitreisen scheint dir ja gut zu tun". Mit diesen Worten begrüßte mich Saskia und kurz darauf fuhren wir dann auch Richtung Guate und hinein in die Zone 18. Während der Fahrt erzählte sie mir wie unterschiedlich die einzelnen Zonen der Stadt sind. Während in Gegenden wie Zone 10, Zone 13 oder Zone 14 viele gutverdienende Menschen leben und man sich dort einigermaßen sicher fühlen kann, ist die Zone 18 mit die unbeliebteste von allen. Hier findet man die meisten Armenviertel und Kriminalität ist hier leider ständig zu Gange. Eines dieser Viertel, wo sich normalerweise kein Reisender hin verlaufen würde, ist Lomas de Santa Faz. Dort befindet sich PROCEDI. 
Die Schule besteht aus drei Stockwerken mit insgesamt 4 Klassenräumen und einem kleinen Schulhof, der auch für den Sportunterricht genutzt wird. Im obersten Stockwerk ist der Speisesaal. Hier bekommen die Kinder Frühstück und Mittagessen, was ebenfalls eine Leistung ist, die durch die Patenschaften finanziert wird. Von hier aus hat man einen Blick auf die Umgebung von Lomas de Santa Faz. Dieses Bild ist wahrlich erschreckend. Menschen wohnen hier in Hütten, die nur durch ein Blechdach abgedeckt sind.


Die Freude der Kinder, wenn Saskia im Projekt ankommt, ist jedesmal riesig. Noch mehr freuen sich die Kinder wenn zusätzlicher Besuch kommt, am meisten wenn sie wissen, dass es sich um Paten aus Deutschland handelt. Mein Patenkind Lisette lernte ich schon kurz nach unserer Ankunft kennen. Im Vergleich zu vielen anderen Kindern aus dem Projekt ist sie eher schüchtern, dennoch merkte man es ihr an wie sehr sie sich freute mich endlich persönlich kennen zu lernen. Bisher kannten wir uns nur von ein paar Briefen und Bildern. 


Ich hatte aber einfach alle Kinder gern. Sie spielten, lachten, sprangen um mich herum, umarmten mich und ließen sich gerne fotografieren. Natürlich stellten sie mir auch sehr viele Fragen. Ob ich Kinder habe, ob ich verheiratet bin, ob mir Guatemala gefiele, wohin ich schon überall gereist wäre, wie der Schnee in Deutschland sei ... sie waren einfach an allem so interessiert. 
Ich verbrachte gerne Zeit im Projekt. Es war ein so unbeschreiblich schönes Gefühl, die Kinder so fröhlich zu sehen, gleichzeitig wissend, dass sie in doch so traurigen Verhältnissen leben.



Während meines Aufenthalts in Guate übernachtete ich bei Markus, einem Deutschen, den ich im Surfcamp El Paredon eine Woche zuvor kennen gelernt hatte und der mit anbot bei ihm zu übernachten. Markus ist seit 4 Monaten hier und arbeitet für ein Investmentunternehmen. Zusammen fuhren wir am Wochenende des 1. Mai wieder an den Strand, diesmal nach Monterrico, dem beliebtesten Wochenendziel für Einwohner aus Guate. Durch das verlängerte Wochenende war es nicht ganz so einfach eine Unterkunft zu finden. Es sollte sich aber herausstellen, dass wir am Ende genau das richtige Hotel gewählt hatten, auch wenn es preislich etwas über meinem Budget lag. Es handelte sich um ein kleines Hotel direkt am Strand namens "Marbella Eco Lodge". Die Besitzer waren ein sehr nettes Ehepaar, die wohl auch durch ihre Vornamen Cecilio und Cecilia zusammen gefunden haben. Cecilia ist aus El Salvador und arbeitete mehrere Jahre in Spanien. Cecilio, ein Spanier aus Bilbao, ist einer dieser Menschen, mit denen man sich stundenlang unterhalten kann und man nicht müde wird. Ich würde ihn mal so beschreiben: Einem Gemisch aus einem Mega-Intellektuell und einer großen Portion Humor, dazu eine Lebens- und Berufserfahrung in Ländern wie Spanien, Deutschland, USA, Irak, Dominikanische Republik, Guatemala und El Salvador. Hinzukommt, dass er früher als Ingeneur, heute als Kunstmaler und Schriftsteller arbeitet. Unfassbar was er alles zu erzählen hatte. Beide leben zurzeit in El Salvador und kommen an den meisten Wochenenden hierher um ihr Hotel auf Vordermann zu bringen. 





Montag, 27. April 2015

Lago Atitlán - ein See zum Träumen

Angie und Giallo blieben nur eine Nacht im Surfcamp. Es war Sonntag und am Tag drauf rief wieder die Arbeit. Ich dagegen blieb noch eine weitere Nacht um am nächsten Tag eine Abenteuerfahrt zum zweitgrößsten See Guatemalas zu unternehmen, dem Lago Atitlán. Rafa, der Betreiber des Surfcamps hatte mir eine Wegbeschreibung aufgeschrieben und gemalt, die kein Autor von Lonely Planet hätte besser machen können. "Es ist ganz einfach. Du läufst vom Surfcamp die Straße runter Richtung Fluss. Dort steigst du in eine Lancha (Motorboot) und lässt dich rüber ans andere Ufer fahren. Da kannst du ein Tuc Tuc nehmen und dich bis zur Tankstelle fahren lassen von wo aus die Busse losfahren. Steig in ein Bus Richtung Guatemala-City ein und steig in Siquinalá aus. Hier herrscht ein ziemliches Durcheinander auf den Straßen. Dort fragst du am besten wo die Busse Richtung Lago Atitlán losfahren. Diese Busse fahren nur bis San Lucas Tolimán oder Santiago Atitlán. Um in die schöneren Küstenorte des Sees zu gelangen, musst du dort wieder in eine Lancha steigen." Das klang alles so einfach, dass ich vergessen hatte, ihn zu fragen wie lange ungefähr die komplette Tour dauern würde. In der Tat dauerte sie sehr lange. Siquinalá erreichte ich nach etwa zweieinhalb Stunden. Es war bereits Nachmittag und die Sonne knallte nur so auf mich drauf. Schweißgebadet und mein schweren Rucksack tragend erkundigte ich mich nach den Bussen Richtung Lago Atitlán. "Einfach da vorne an der Ecke warten, da wo so viele Leute rumstehen. Da kommen nach und nach mehrere Busse vorbei. Irgendwann auch einer der zum See fährt.", teilten mir ein paar freundliche Herren mitten auf der Straße mit. Ich lief zu dieser besagten Straßenecke. Dort winkte mich ein Schuhputzer zu sich. "Wo möchtest du hin?", fragte er mich. "Zum Lago Atitlán.", beantwortete ich seine Frage. "Der Bus dürfte gleich kommen. Setz dich doch erstmal!", bot er mir freundlich seinen Hocker an, den er normalerweise für seine Arbeit nutzte. "Du siehst etwas erschöpft aus. Es ist heute aber auch verdammt heiss. Komm, ess erstmal eine Mango!" Lächelnd reichte er mir eine Mango woraufhin ich ihn nach dem Preis fragte. Er winkte nur ab und meinte: "Ach quatsch. Das passt schon." Es ist unglaublich wie freundlich und herzlich die Menschen in diesem Land sind. Diesem Schuhputzer war es anzusehen, dass ihm das Leben nicht viel geschenkt hatte. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, einem Reisenden wie mir behilflich zu sein und etwas Gutes zu tun, wohlgemerkt völlig bedingungslos ohne dafür irgendeine Gegenleistung bekommen zu wollen. 
Knapp zwei Stunden später erreichte ich San Lucas Tolimán, im Südwesten des Lago Atitlán gelegend. Giallo hatte mir empfohlen mich in San Marcos La Laguna nieder zu lassen, da dies ein sehr schöner, eher kleinerer und ruhiger Ort sei, nicht so überfüllt von den großen Touristenströmen. Leider musste meine Ankunft dort noch etwas auf sich warten. In San Lucas Tolimán lief ich nachdem ich aus dem Bus ausstieg die Straße zum Ufer hinunter. Dort stellte ich fest, dass ab halb zwei am Nachmittag keine Lancha mehr fuhr. Also ging ich zurück in den Ortskern und fand einen Pickup-Shuttle (einer bei der man als Passagier auf der Ladefläche steht), der mich bis nach Santiago Atitlán fahren sollte. Von dort aus konnte ich eine Lancha nach San Pedro La Laguna und dann wiederum eine weitere nach San Marcos La Laguna nehmen. 
Knapp sieben Stunden nachdem ich mich am Surfcamp verabschiedet hatte, kam ich bei Anbruch der Dämmerung, etwas kaputt aber voll mit Glücksgefühlen im Bauch über die erlebte Tour, in meinem Hostel in San Marcos an. 

Giallo hatte nicht zuviel versprochen. San Marcos war wirklich ein sehr schöner Ort. Gleich hinter der Anlegestelle verlaufen schmale, rein für Fussgänger geeignete Gassen, hinauf zum Ort. Auch im Ortskern selber sind Fahrzeuge eher selten zu sehen und das Leben scheint hier seinen stillen gewohnten Gang wie vor vielen Jahren zu gehen. Viele Besucher von San Marcos schwören darauf, dass der Ort eine heilige Wirkung und Energie hat, weshalb auch viele Unterkünfte Massagen und andere Spa-Anwendungen anbieten. Am Ufer geniesst man einen herrlichen Blick auf den Lago Atitlán und im Hintergrund zwei der drei Volkane, die um den See herum stolz zum Himmel hinauf ragen. Das Wasser vom See fühlte sich so wunderbar frisch an, so dass man am liebsten stundenlang drin schwimmen und baden wollte. An meinem zweiten Tag in San Marcos wagte ich einen Sprung aus ca. acht Meter Höhe von einer Aussichtplatform. Fast unbeschreiblich! Das Eintauchen im Wasser war wie ein Durchstoß in eine grenzenlose Freiheit.


Nach zwei Nächten in San Marcos wechselte ich im wahrsten Sinne des Ortes das Ufer, nach Panajachel. Pana, wie es von Guatemalteken genannt wird, ist der größte Ort am Lago Atitlán und gleichzeitig der touristisch wichtigste. Ich hatte viel über diesen Ort vorher gehört, vor allem er sei laut, chaotisch, zugebaut und viel zu voll mit Touris. Mir gefiel Pana trotzdem. Es bildete den idealen Gegensatz zum esoterischen angehauchten San Marcos. Auf den Straßen war buntes Treiben zu sehen und zu hören. Auf der bekannten Calle Santander werden neben Bars und Reisebüros die größte Auswahl an Artesanías (Handswerkswaren) im ganzen Land angeboten. Das Ufer, bei weitem nicht so schön und ruhig wie in San Marcos, ist fast in kompletten Händen der Gastronomie. Durch die Lage im Osten des Sees, geniesst man hier einen super schönen Blick auf den Sonnenuntergang. 


Nach vier Tagen voller schöner Träume am Lago Atitlán, trat ich die Rückfahrt nach Antigua an. Giallo hatte Geburtstag und Angie hatte eine Überraschungsparty in ihrem Restaurant geplant und bat mich unbedingt auch dabei zu sein. Dies wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Es wurden tatsächlich noch ein paar Tage mehr in Antigua. Grund war, dass es wieder Wochenende war und es wieder Zeit zum feiern war. 

Montag, 20. April 2015

Antigua - ein Wiedersehen mit einem alten Freund

Die Nachtfahrt von Flores nach Ciudad de Guatemala (Guatemala-Stadt) in einem 2.Klasse-Bus hatte ich unbeschadet überstanden. Mein Ziel war allerdings (noch) nicht die Hauptstadt des Landes, sondern das eine Stunde weiter entfernte Antigua. Der freundliche Verkäufer im Reisebüro in Flores hatte mir das Ticket bis nach Antigua verkauft und mir gesagt, dass jemand am Busterminal in Guatemala-Stadt mit einem Namensschild auf mich warten würde um mich mit einem Minivan weiter nach Antigua zu bringen. Dies war leider nicht der Fall. Und leider fuhren von dem besagten Busterminal zwar Busse in alle Richtungen, nur nicht nach Antigua. Einer der anwesenden Busfahrer bot mir an, mich auf seiner Fahrt mitzunehmen und mich an der Zwischenstation, also einem anderen kleineren Busterminal im Stadtzentrum rauszulassen. "Dort fahren zwar eigentlich auch keine Busse nach Antigua ab, aber vielleicht steht ja dort der Minivanfahrer, der dich mitnehmen soll. Falls nicht, kannst du in der Nähe dieses Busterminals in einen der sogenannten Chickenbuses einsteigen, die nach Antigua fahren." Genau dies sollte sich auch bewahrheiten. Ich erreichte Antigua um ca. neun Uhr morgens. Meine Bleibe hier war das Gästezimmer im Haus von Jean-Marc, meinem besten Freund aus meinen ganz jungen Jahren als ich noch in meinem Geburtsland Peru lebte. 
Von einem Café aus informierte ich über Whatsapp Jean-Marc, dass ich angekommen war und kurz darauf holte er mich mit dem Auto ab. Jean-Marc, der mit Spitznamen Giallo genannt wird, ist in Guatemala geboren, lebte aber lange Zeit mit seiner Familie im Ausland, zeitweise auch mal in Deutschland. Vor ein paar Jahren zog es ihn wieder zurück in sein Geburtsland. Das letzte Mal sahen wir uns vor zwei Jahren in München, als er ein paar Tage geschäftlich in der Stadt war. Zur Zeit ist er sehr beschäftigt mit einem Unternehmen, was er sich mit seinem Vater zusammen neu aufbaut. Nach dem Beispiel von Jochen Schweitzer, der im Übrigen ein guter Freund von beiden ist, soll in möglichst naher Zukunft ein großer Dienstleister für Vermarktungen für Erlebnisse jeder Art entstehen - und das in ganz Lateinamerika für Lateinamerikaner. "Wir sind noch in der Anfangsphase, aber wenn wir die nächsten Monate hart arbeiten, dann kann hier wirklich was ganz großes entstehen. Leider ist es nicht ganz so leicht, gutes und professionelles Personal zu finden.", erzählte er mir. Ich nickte nur verständnisvoll und ahnte nicht was noch kommen würde. "Du arbeitest doch seit Jahren in der Touristik und wie du erzählt hast die meiste Zeit als Produkteinkäufer. Könntest du nicht, während du hier bist, einen Vortrag an mich und meine Mitarbeiter aus der Sales-Abteilung halten? Deine Erfahrung und Ratschläge wären für uns echt Gold wert." Auf diese Frage musste ich erstmal schlucken." Ich weiß, du bist eigentlich auf einer langen Reise und arbeiten ist eher nicht dein Ziel, aber du würdest uns einen riesen Gefallen damit tun und ich ich weiß wir können eine Menge von dir lernen." Ich sagte nach kurzer Überlegung zu und bereitete während meines Aufenthalts in Antigua eine Präsentation vor. 


Ansonsten genoss ich Antigua (kompletter Name "La Antigua Guatemala") in vollem Maße. Die koloniale Kleinstadt mit nur knapp 35.000 Einwohnern hat seinen ganz eigenen Flair. Von 1543 bis 1773 war Antigua Hauptadt des spanischen Kolonialgebietes Zentralamerikas. Heute ist sie die Touristenattraktion Guatemalas schlechthin. Vor allen an Wochenenden zieht es zahlreiche Guatemalteken aus anderen Teilen des Landes hierher. Entsprechend ist die Gastronomie hier auf fast jeden Geschmack vorbereitet. Guatemaltekisch, Mexikanisch, Argentinisch, Peruanisch, Französich, Deutsch, Thailändisch ... hier gibt es fast alles. Eines der vielen Restaurants gehört Angie, die Freundin von Giallo. Angie kommt ursprüglich aus Argentinien, hat sich aber vor Jahren in Antigua verliebt und sich somit hier fest gebissen. Ihr Restaurant mit dem Namen "Angie Angie" ist sehr gemütlich und künstlerisch eingerichtet und hat einen schönen Innenhof mit einer Lagerfeuerstelle. Falls einer mal hier her reisen sollte, empfehle ich hier unbedingt mal Abends essen zu gehen. 
Bemerkenswert ist die sichtbare Umgebung von Antigua. Drei Vulkane, wovon einer sogar noch aktiv ist, lassen sich von der Innenstadt aus genüsslich beobachten. Ansonsten empfand ich die Atmosphäre und die Freundlichkeit der Menschen hier besonders einzigartig. Es kam nicht selten vor, dass jemand wildfremdes auf der Straße mich einfach mal mit Handschlag begrüsste und dies völlig bedingunglos tat. Überhaupt hatte ich kaum das Gefühl in einer Touristenstadt zu sein, obwohl es allein durch die vielen Sprachschulen hier eine Menge internationales Publikum gibt. 


An meinem vierten Tag in Antigua machte ich mein Versprechen war und hielt eine Präsentation vor Giallo, seinem Vater und deren Mitarbeitern. Allen hatte es sehr gut gefallen und Giallo bedankte sich anschließend mit einem weiteren Abendessen in Angie's Restaurant. Doch der Abend ging noch lang. Es ging nach dem Abendessen noch nebenan ins "Café No Sé", welches beliebt bei Einheimischen und Besuchern zugleich ist. Hier muss man Seh- und Stehvermögen beweisen. Die einzigen Beleuchtungen sind nämlich Kerzen. Extrem gut gelaunt ging es spät nach Mitternacht irgendwann nach Hause. Ein paar Stunden Schlaf wollten wir uns noch gönnen bevor es am Morgen Richtung Strand gehen sollte. Irgendwie ist es doch immer so während des Reisens. Wenn man am nächsten Tag ausschlafen kann, geht man früh ins Bett. Jedoch, wenn man für den nächsten Tag einen Ausflug oder eine Weiterfahrt mit frühem Start geplant hat, dann hat man zufälligerweise am Vorabend irgend einen Grund gefunden zu feiern. 
Noch etwas verschlafen, stiegen Angie, Giallo und ich ins Auto ein und holten noch Bob ab. Bob kommt aus den USA und besucht gerade seine Schwester, die ebenfalls vor Jahren Antigua zu ihrem Lieblingsort erklärt hat und geblieben ist. Unser Ziel war Sipacate an der Pazifikküste, dem Surferparadies Guatemalas. Giallo kommt mindestens die Hälfte aller Wochenenden im Jahr hierher um seiner Leidenschaft, dem Surfen, nachzugehen. Fast immer bleibt er im "Surfcamp El Paredon", einem kleinen rustikalen Paradies direkt am Strand. Die Bedingungen zum Surfen waren jedoch etwas unoptimal dieses Wochenende, so dass Giallo weder surfte, es noch für mich sinnvoll gewesen wäre eine Surfstunde zu nehmen. Also taten wir das, was man im Surfcamp am besten tun kann, sich bedingungslos entspannen. Noch nicht mal WLan gab es hier, einfach nur herrlich!



Montag, 13. April 2015

Flores (Tikal) - Adios Mexico, Hola Guatemala

Auf einem Boot auf dem Río Usumacinta verließ ich am frühen Morgen Mexiko um mich nach kurzer Fahrt in Guatemala einzufinden. Bis zur Einreisestelle waren es noch ein paar Kilometer auf einer Schotterstraße quer durch den Urwald der Selva Lacandona. "Endlich mal Abenteurfeeling", dachte ich als die Fahrt losging. Der Kleinbus hatte schon seine besten Tage hinter sich und die Klimaanlage ging auch nicht mehr. Blieb also nur noch die Möglichkeit die Fenster zu öffnen. Allerdings hatte dies den Nachteil, dass einem der rote Sandstaub ins Gesicht flog. Als letzte Instanz blieb mir nur noch die Option, mir die Sonnenbrille aufzuziehen um mir die Sicht auf den umliegenden Urwald nicht nehmen zu lassen. Vorbei war es also erstmal mit den vollklimatisierten Reisebussen von Mexiko. Die Fahrt war sowohl augrund der Straßenverhältnisse als auch kommunikativ sehr unterhaltsam. Ich lernte Alexander kennen, einen ca. 40 jährigen Honduraner. "Diese Strecke wird wohl niemals asphaltiert. Es knapp um das Jahr 2000 ein Millenium-Projekt, worin von den USA zugesichert wurde, dass alle Straßen entlang der Panamericana asphaltiert werden sollten. Natürlich im eigenen Interesse. Hier wie fast überall gibt es sehr viele Ölrafinerien. Aber diese Straße vom mexikanischen Grenzfluss ausgehend wurde bis heute nicht ausgebaut, weil ein korrupter Politiker die Subventionsgelder eingesackt hat und sich aus dem Staub gemacht hat. Ich fahr diese Strecke ca. 30 bis 40 Mal im Jahr und habe mich daran gewöhnt, dass es holprig und staubig zugeht.", erzählte mir Alexander sehr ausführlich. "Was machst du beruflich, dass du diese Strecke so oft fahren musst?", fragte ich neugierig. "Ich bin Illegalenhelfer. Es gibt in meinem Land viele, die nach einer neuen Chance woanders suchen. Am liebsten wollen sie natürlich in die USA, aber für viele reicht es schon, wenigstens nach Mexiko zu kommen." Jetzt wurde ich erst recht neugierig und fragte wie seine Hilfe denn genau aussehe. "Nun ja, die Grenzbeamten in Honduras und Guatemala kennen mich schon lange. Deshalb lassen sie sich von mir schmieren. In Mexiko an der Grenze zu den USA übergebe ich die Illegalen dann einen Kontaktmann, der ebenfalls versucht die Korruptheit von Grenzbeamten zu nutzen." Alexander erzählte mir noch so vieles andere über das ich teilweise schmunzeln und lachen musste. 
Nach Erhalt des Einreisestempels ging die holprige Fahrt weiter, bis ich am Nachmittag Flores, eine kleine Insel auf dem Lago Petén Itza, erreichteFlores, wird von einer Dammbrücke vom Festland und der Stadt Santa Elena getrennt. Während es dort ziemlich laut zugehen kann, ist es auf Flores angenehm ruhig.
Die Unterkunft war besonders günstig und hatte vor allem eins, nämlich einen herrlichen Blick auf den Sonnenuntergang und auf den blitzsauberen See, in den man 15 Meter weiter jederzeit reinspringen konnte. 


Am zweiten Tag besuchte ich Tikal, einer der bekanntesten aller Maya-Ruinen. Im Vergleich zu Palenque ist Tikal viel größer und die meisten der Tempel um einiges höher. Der Wald drum herum ist so dicht bewachsen, dass man einige Tempel erst beim Näherkommen entdeckt. Viele haben sich hier auch schon verlaufen, da die Wege zwischen den Tempeln sehr einander ähneln und die Ausschilderungen etwas widersprüchlich sein können. Die beste Aussicht bietete die Ausssichtsplatform von Tempel IV, dem höchsten Bauwerk mit 64 m. Von hier aus sieht man weit und breit nur den endlos schönen Urwald und zwischendrin ein paar Tempel, die ebenfalls wie Tempel IV über die Bäume hinausragen. Im Hintergrund hört man Vögel, Affen und andere unvergessliche Geräusche des Urwalds. 






Freitag, 10. April 2015

Palenque - Die harmonische Macht der Mayas

Ich verließ San Cristóbal mit einer kleinen Träne im Auge. Diese kleine Stadt hatte mit mir das gemacht, was sie schon zuvor mit so vielen getan hatte, nämlich mir das Gefühl zu geben, sich zu Hause und nicht auf der Durchreise zu fühlen. Doch es musste weiter gehen. Schließlich stand mein erster Grenzübergang kurz bevor. Aber noch war es nicht soweit. Als letztes Highlight hatte ich noch eines der größten Nationalheiligtümer Mexikos vor mir, die Maya-Ruinen von Palenque
Ich erreichte Palenque-Stadt - der Ort 8 km von den Ruinen entfernt - am späten Nachmittag und konnte sofort zwei Aussagen bestätigen, die mir zuvor von anderen erzählt worden waren: 1. Es ist verdammt heiss. Du merkst sofort, dass du nicht mehr in San Cristóbal und dem Hochland von Chiapas bist, sondern im Urwald. Sofort begrüßt dich eine Horde des größten Einwohneranteils Palenques, die Mosquitos. 2. Der Ort selber gibt nicht viel her und ist eher langweilig und öde. Es ist einfach nur der Ausgangspunkt für einen Besuch der Ruinen. Viele Touristen bleiben gar nicht erst hier, sondern besuchen die Ruinen im Zusammenhang mit einer Tour aus San Cristóbal oder anderen Tourizentren in Chiapas oder während einer Maya-Rundreise in Mittelamerika. Vielleicht ist es aber auch gut so. Wäre der Ort voll von Hotels, Hostels, Bars, Clubs etc., die Ruinen und der umliegende endlos erscheinende Urwald würden sich nur schwer in so einem nachhaltigen Zustand erhalten lassen. Trotz der Unattraktivität blieb ich dennoch zwei Nächte im Ort. Unbedingt wollte ich mir die Ruinen während eines ganzen Tages anschauen und zwar ohne ein zeitliches Limit zu haben.
Beim Betretten der Ruinenstadt erhielt ich sofort den Eindruck eines Ortes der Harmonie, so elegant und geordnet stehen die einzelnen Tempel zueinander. Es erschien mir so real und unumstritten, dass es gerade mal ca. 1400 Jahre her ist, dass die Mayas hier eine Metropole und Dynastie sich erschufen und stets weiter entwickelten. 


Es gibt eigentlich nicht viel mehr zu sagen, außer dass dieser Beweis für eine der hochentwickeltsten Kulturen der Vergangenheit eines der Plätze ist, die man in seinem Leben gesehen haben sollte. Eine für mich sehr interessante Entdeckung machte ich am Ende meines 6-stündigen Aufenthalts bei den Ruinen, nämlich im zur Anlage gehörenden Museum. Einer der Infotafeln beschrieb die Bedeutung der Familienzugehörigkeit bei den Mayas sehr gut. Diese war so sehr positiv ausgeprägt, dass man Knochen besonders geliebter Vorfahren unter dem Boden begrub, wo man sein neues zu Hause erbaute. Somit ehrte man nicht nur seine Vorfahren für die Nachwelt, sondern stellte abergläubisch sicher, dass die Familie für die Zukunft beschützt leben würde. Logischerweise, oder zumindest sehe ich das so, ist der Familienzusammenhalt in vielen Ländern Lateinamerikas gerade deshalb heute noch so elementär. 

Mittwoch, 8. April 2015

San Cristóbal de las Casas - ein magischer Ort

Mit der Nachtfahrt aus Pochútla verließ ich somit auch den Bundesstaat Oaxaca und es begrüßte mich Chiapas, der südlichste Bundesstaat Mexikos. Eines der beliebtesten Ziele hier ist die bezaubernde Kleinstadt San Cristóbal de las Casas (oder einfach San Cristóbal genannt). Diese Stadt erhielt vom mexikanischen Tourismusamt 2003 die Auszeichnung "Pueblo Mágico" (magischer Ort). Und keine Frage, diese Auszeichnung hat San Cristóbal voll und ganz verdient. Es ist eines dieser Orte, wo man sich vom ersten Moment an eingeladen fühlt zu bleiben. Wie auch in Oaxaca dominieren hier die Farben der Kolonialhäuser im Stadtzentrum. Die Pflastersteingassen tun ihr Übriges um sich sofort in die Zeit vor etwa 500 Jahren zurück versetzt zu fühlen. 
Ich erreichte den Busbahnhof um Punkt 10:00 Uhr und marschierte mit meinem Rucksack gleich los. Laut der Karte im Lonely Planet konnte es bis zu meinem Hostel, was ich mir vorab rausgesucht hatte, nicht allzu weit sein. War es auch nicht. Man muss lediglich beachten, dass die Bügersteige hier recht schmal sind und somit das Überholen von langsamer laufenden Menschen sowie das Ausweichen von solchen, die einem entgegen kommen, manchmal einem Seiltanz gleicht. Im Hostel angekommen, begrüßte mich beim Einchecken Andrés, ein sympathischer Argentinier. Während er mir mein Zimmer zeigte, fragt ich ihn wie lange er denn schon in Mexiko sei. Mir fiel nämlich sofort auf, dass sein Akzent gar nicht mal typisch argentinisch klang. "Ich reise schon einen Monat durch Mexiko. Erst gestern hat mir meine Mutter am Telefon mal wieder gesagt, dass ich so komisch klingen würde. Kommt eben daher, dass ich hier fast nur mit Mexikanern oder Touristen zusammen komme, die eher Hochspanisch sprechen.", erzählte er mir. Ähnlich wie ich befindet sich Andrés auf einer Reise durch Lateinamerika. Um seine Reisekasse etwas aufzupäppeln, bietet er hin und wieder seine Arbeit in Hostels an um als Gegenleistung kostenlose Unterkunft zu bekommen. Nebenbei bastelt er jeden Tag kleine Geldbörsen aus gebrauchten Tetrapacks und verkauft diese günstig an Hostelgäste. 
Als ich mich nach dem Duschen in das WLAN einloggte, sah ich sofort eine Whatapp-Nachricht von Germán, die er allerdings um 4:30 Uhr, also mitten in der Nacht geschickt hatte. Er meinte, dass er mit Beks, einer Engländerin und Raphael, einem Schweizer, noch lange feiern gewesen war und sie ungefähr dann aufstehen wollten, wenn ich angekommen sei. Ich bestätigte ihm sofort meine Ankunft und wir verabredeten uns für wenig später vor deren Hostel. 
Auf dem Weg zu einem Lokal, wo wir zu Mittag essen wollten, entdeckte ich sofort, warum die vergangene Nacht für die drei so ausgiebig lang ausfiel. Unübersehbar wird in San Cristóbal gerne gefeiert und da außerdem Osterwochenende war, gingen die Feiern bis in die Morgenstunden. 


Die kommende Nacht sollte ähnlich lange gehen. Und das obwohl Beks, Raphael und Germán für den nächsten Morgen um 5:00 Uhr eine Tour nach Palenque gebucht hatten. Hinzu kam, dass übernacht auf Sommerzeit umgestellt wurde. Beks hatte sich daher nach dem Abendessen früh schlafen gelegt, während die beiden Jungs sich entschlossen, gar nicht erst schlafen zu gehen. Um 4:30 Uhr (lt. neuer Sommerzeit) verabschiedete ich mich wieder einmal von Germán. Er hatte, genauso wie Beks und Raphael die Tour ohne Rückfahrt gebucht, da es für sie anschließend weiter gehen sollte. "Mach's gut Amigo! Pass auf dich auf und schick zwischendurch mal Bilder von deiner noch so langen coolen Reise". Mit diesen Worten drückten wir uns ein letztes Mal. 

Die darauf folgenden Tage in San Cristóbal entspannte ich mich so sehr, dass ich gar nicht merkte, dass meine Armbanduhr stehen geblieben war. Ich fand's super. Schließlich war diese Reise auch dazu gedacht, Abstand vom verplanten und zeitlich limitierten Alltag zu nehmen. 
Von Cristóbal aus kann man so viel besichtigen. Und was mir am meisten gefiel, man ist nicht auf organisierte Touren angewiesen. Gleich neben dem Busbahnhof ist eine Sammelstelle für Colectivos, die in alle mögliche Richtungen einen hinbringen können. Von hier aus fuhr ich am dritten Tag während meines Aufenthalts in San Cristóbal zu den Tropfsteinhöhlen von Rancho Nuevo, nur 10 Fahrminuten von der Stadt entfernt. 
Deutlich länger war die Fahrt am nächsten Tag. Das Ziel war der Nationalpark Cascadas El Chiflón, dem größten Wasserfall von Chiapas mit einer Gesamthöhe von 240 Metern. Die erste Fahrt dauerte gute zwei Stunden und dann musste ich umsteigen in einen weiteren Colectivo, der noch ca. eine weitere Stunde fahren sollte. Aber sowohl diese lange Fahrt als auch die anschließende Wanderung die Steintreppen hinauf seitlich zum Wasserfall waren alle Bemühungen wert. Die Sicht auf die strahlend fallenden Wassermassen und die türkisgefärbten Becken waren unglaublich. Ich wusste, dass ich während meiner Reise noch viele Wasserfälle zu sehen bekommen sollte und auch noch größere. Dennoch fühlte ich mich beim Anblick dieses Naturwunders überglücklich. Meine innere Stimme sagte mir einmal mehr, dass die Entscheidung diese lange Reise zu machen, so wichtig und richtig gewesen war. Ich verweilte noch lange auf der obersten Aussichtsterasse bis ich schließlich den Rückweg antrat.