Sonntag, 25. Oktober 2015

Rio, São Paulo und wie es sonst so nach Jeri weiter ging

Auch wenn ich es nicht wollte, aber der Tag, an dem ich Jeri verließ, musste irgendwann kommen. Ein ganzer Monat war vorübergegangen, wie man es sich auf einer Reise nicht besser vorstellen kann. Jeder Tag war ein extrem entspannter Tag und darüber hinaus immer wieder aufs Neue erlebnisreich. Doch selbst wenn dieser Ort der für mich tatsächlich schönste auf Erden sein und bleiben sollte und der Wunsch nach sofortiger Sesshaftigkeit ganz sicher gegeben war, hielt ich weiterhin an meinen Reiseplänen fest, die mich noch an so viele andere schöne Orte bringen sollten. 
Nach den letzten Umarmungen mit Belen, Mauricio, seiner Mutter Lindalva und anderen neu gewonnenen Freunden, verabschiedete ich mich aus meinem gefundenen Paradies mit einer letzten Fahrt in einem Geländewagen zusammen mit Javier, der nach 2 Wochen Aufenthalt Jeri ebenfalls schwerenherzens verließ. Mit uns zusammen im Wagen fuhren noch Willow aus San Francisco und Ramón aus Gran Canaria. Beide waren in der vergangenen Woche ebenfalls im La Tapera Hostel untergekommen. Alle vier wollten wir nach Fortaleza, ca. 4 Autostunden von Jeri entfernt. Javier flog noch am selben Tag nach Salvador im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Während es für mich, ebenfalls noch am selben Tag, mit dem Flugzeug weiter nach Rio gehen sollte, blieben Willow und Ramón noch eine Nacht in Fortaleza. Ich sollte die beiden zwei Tage später in Rio wieder treffen, doch von Javier musste ich mich am Flughafen für unbestimmte Zeit verabschieden. "Mach's gut mein deutscher Bruder! Mensch, was hatten wir eine coole Zeit zusammen. Ich hoffe ich sehe dich bald oder zumindest irgendwann wieder." Nach diesen Worten und einer letzten Umarmung ging Javier zum Gate. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlte ich mich für einen Augenblick so etwas wie allein. Auch wenn ich mir sicher war, dass dieses Gefühl nicht lange anhalten würde, war mir etwas merkwürdig zumute. Ich dachte über diese vielen schönen vergangenen Tage nach und glaubte sie noch sehr lange zu vermissen. Mauricio hatte während unserer vielen Gespräche immer wieder einen Satz zytiert, der für viele so Brasilianer typisch ist. A vida é uma grande piada (Das Leben ist ein großer Witz). "Das Leben zu ernst zu nehmen, ist ein ganz großer Fehler. Wir müssen es als das nehmen, was es ist, als einen ganz großen Witz. Denn ansonsten sind wir nicht bereit genug, den vielen Überraschungen entgegen zu treten, die uns das Leben immer wieder bringt." Die Erinnerung hieran ließen mich gleich viel besser fühlen.


Rio de Janeiro 
A cicade maravilhosa (die wundervolle Stadt), so wird Rio de Janeiro von seinen millionen Einwohnern (Cariocas genannt) und Besuchern immer wieder gern bezeichnet und auch so überzeugend gesehen. 


Viele Reisende, die ich unterwegs getroffen habe, erzählten mir wie überwältigt sie von dieser Stadt waren und von dem, was sie zu bieten hat. Ich selber blieb nicht allzu lange. Ich sage heute noch, dass es nicht der ideale Zeitpunkt für mich war, Rio zu besuchen. Ich hatte Sehnsucht nach Jeri und nach meinen dort kennen gelernten Freunden und kam deshalb nur langsam in Fahrt. Weil in Rio auch alles etwas teurer ist, entschied ich mich für ein extrem günstiges aber doch eher weniger bequemes Hostel im Stadtviertel Copacabana. Der gleichnamige Strand, nur fünf Blocks vom Hostel entfernt, erfüllte die Erwartung, die ich dafür hatte. Eine saubere, sehr breite und lange Sandfläche, gefolgt von einer für Surfer optimalen Brandung. Surfer sieht man hier jedoch sehr wenige, denn dafür ist die Praia de Copacabana einfach zu touristisch. Man merkt dies auch sofort, wenn man den Strand betritt. Geschätzt alle zwei Minuten kommt jemand zu dir und möchte dir entweder einen Caipirinha, ein Eis, ein Handtuch mit Brasilienflagge, einen Hut, irgendwelches Kunsthandwerk, Touren zu den Sehenswürdigkeiten oder was auch immer verkaufen. Der ebenfalls sehr bekannte Strand Praia de Ipanema war nicht viel anders, auch sehr schön, aber auch viel viel voller. 


Wie schon angekündigt, traf ich Willow und Ramón in Rio wieder. Nachdem wir an einem Tag noch mit der Seilbahn zum berühmten Pão de Açúcar (in deutsch bekannt als der Zuckerhut) hinauf fuhren, entschieden wir uns am nächsten Tag, im Rahmen unserer Besichtigung des Cristo Redentor, für eine abenteuerlichere Alternative, nämlich den steilen Wanderweg hinauf zu dieser Weltwunder-Statue zu laufen. Über diesen einundhalbstündigen Pfad steht weder was im Lonely Planet, noch in einem anderen Reiseführer. Die Mitarbeiter im Hostel rieten sogar davon ab, weil es zu steil, zu gefährlich und momentan auch zu heiß dafür wäre. Wir ließen uns von unserem Wunsch nicht abbringen und bestiegen diesen Monsterberg. Als wir später oben unter Hunderten (gefühlten Tausenden) von Leuten uns die Statue anschauten, wussten wir, dass wir genau das Richtige getan hatten. Nicht nur, dass wir Geld gespart hatten, weil wir weder mit der Zahnradbahn noch mit einem der vielen Minibusse hoch gefahren waren, sondern auch weil der Wanderweg der wesentlich interessantere Teil des Ausflugs war. Selten zuvor hatte ich so eine Ansammlung von Selfi-Süchtigen Touris auf einem kleinen Fleck (die Platform unterhalb der Statue ist nicht besonders groß) gesehen. Viele lagen dabei sogar auf dem Boden um ihr Gesicht mit Cristo im Hintergrund auf das Selfi zu bekommen. 


Diese kleine aber doch anspruchsvolle Wanderung machte Lust auf mehr. Daher entschied ich mich zwei Tage später für einen weiteren Gipfel in Rio. Von Os Dois Irmãos (übersetzt Die Zwei Brüder) aus, soll man bei gutem Wetter den besten Blick auf Rio und seine Küsten haben. Leider hatte ich nicht so viel Glück mit dem Wetter. Der Nebel erlaubte nur einen Teilblick auf das große Spektakel. Dennoch lohnte sich der Ausflug, vor allem der Rückweg nach unten. Denn während diesem lief ich mitten durch eine Favela, der Favela Vidigal. Das Thema "Favelas in Rio" hatte ich seit meiner Ankunft in der Stadt sehr skeptisch betrachtet. Viele Favelas (in deutsch bekannt als Armenviertel) in Rio sind eigentlich keine Favelas mehr, sondern wurden durch Verbesserung der Infrastruktur in den letzten Jahrzenten zu normalen Stadtvierteln. Dadurch entstanden aber auch neue touristische Geschäftsideen wie z.B. Hostels in Favelas oder Besichtigungstouren von Favelas, für mich die bekloppteste Idee überhaupt. Die Favela Vidigal war bekannt als eine besonders friedliche, weshalb ich ohne größere Bedenken durch spazieren konnte. Auf dem Weg zum Gipfel und wider hinunter hatte man sogar einen Blick auf Rocinha, die angeblich größte Favela in ganz Lateinamerika. Auch diese ist mittlerweile ein anerkanntes Stadtviertel von Rio. 




Ilha Grande
Ich brauchte nach meinen paar Tagen Rio wieder eine mehr naturgebundene Umgebung. Willow, die zwischenzeitlich mit Ramón für zwei Tage aus der Stadt geflohen war, um einen brasilianischen Freund im Landesinneren zu besuchen, den sie ca. drei Wochen zuvor woanders kennen gelernt hatten, überedete mich per Whatsapp mit ihr auf die Ilha Grande (dt. große Insel) zu fahren. Viel wusste ich über diese Insel nicht. Erst kurz vor der Abfahrt in Rio lass ich noch im Lonely Planet, dass die Insel zwar die drittgrößte Brasiliens sei, dennoch es aber dort keinen motorisierten Verkehr gab, was dafür sprach, dass es sich um ein wahres Naturparadies handeln musste. Das war es auch. Endlos viele Strände an allen Buchten und Ufern, die nicht nur türkisblaues Wasser boten sondern den weißesten und feinsten Sand, den man sich vorstellen kann. Viele davon lassen sich nur mit dem Boot über eine gebuchte Tour erreichen. Zu einigen Traumstränden läßt sich aber auch schön hin wandern, was Willow und ich bereits kurz nach der Ankunft taten.


Willow, die im Voraus einen Flug von São Paulo nach Buenos Aires gebucht hatte, unterschätzte wie so viele (ich bin davon nicht ausgenommen) die Entfernungen innerhalb Brasiliens und konnte daher nur zwei Tage auf der Insel bleiben. Hinzu kam, dass man die Ilha Grande - genauer gesagt ihre einzige mit Hostels und Pousadas besiedelter Bucht namens Abraão - spätestens um 17 Uhr mit dem Schnellboot verlassen muss, da man ansonsten bis zum nächsten Vormittag warten muss. Das wäre für Willow allerdings zu spät gewesen um ins 6 Stunden entfernte São Paulo noch rechtzeitig zu gelangen, da ihr Flug schon kurz nach Mittag ging. Ich blieb noch zwei Tage länger und reiste genau an dem Tag ab, als sich über dem Himmel graue Wolken stauten. 


Paraty
Trotz schlechtem Wetter hatte ich von der Küste noch immer nicht genug. In São Paulo wartete mein kolumbianischer Cousin Daniel auf meinen Besuch. Ich ließ ihn aber noch ein bisschen warten und besuchte für drei Tage das Kolonialstädtchen Paraty, das sich wie schon erwähnt an der Küste befindet. 


Am ersten Tag war das Wetter noch einigermaßen, danach war nur noch grauer Himmel zu sehen. Ich entschloss mich daher spontan für einen Kayakausflug, genauer gesagt ließ ich mit von drei Mitbewohnern aus meinem Hostel überreden mitzumachen. Es handelte sich dabei um Anniko und Jakob (beide aus Deutschland) und Fredrik aus Schweden. Eigentlich hatten wir das optimale Wetter für eine Kayaktour erwischt, den bei brennendender Sonne wäre das Rudern echt mühsam gewesen und unsere Schultern wahrscheinlich verkohlt.


Am meinem dritten Tag in Paraty ließen wir uns auch vom leichten Nieselregen nicht von weiteren Aktivitäten abbringen und machten daher einen kleinen Ausflug mit dem Bus. Unser Ziel war ein kleines Naturschutzgebiet mit einer spaßigen Naturrutsche und einer Hängebrücke bei einem kleinen Wasserfall. 




São Paulo
Da das Wetter immer schlechter wurde, entschied ich mich am folgenden Tag für die Fahrt nach São Paulo. Anniko, Jakob und Fredrik taten es mir gleich und so ging es für alle gemeinsam mit dem Bus in die mit über 18 Mio. Einwohnern größte Stadt Südamerikas. Dort wartete mein Cousin Daniel am Busbahnhof bereits auf mich. Nachdem er meinen Reisefreunden noch Hilfestellung gab, wie sie schnellstmöglich mit der Metro in ein gutes Hostel gelangen konnten, ging es für Daniel und mich erstmal in eine von über 6000 Pizzerien, die es in der Stadt gibt. "Wie du ja sicherlich gemerkt hast, gibt es in Brasilien sehr viel Buffetrestaurants (Self-Service genannt) bei denen pro Kilo abgerechnet wird. Das kann manchmal echt teuer werden, gerade wenn man viel Hunger hat. In São Paulo ist daher Rodízio sehr beliebt. Das ist wie "All you can eat", nur dass du dabei von Kellnern so lange bedient wirst bis du stop sagst weil du kurz vorm platzen bist. Du zahlst dafür meist einen echt akzeptablen Fixpreis. Rodízio ist hier am beliebtesten mit Pizza, mit Sushi oder mit Churrasco (gegrilltem Fleisch)." So die Worte von Daniel, als wir bereits auf dem Weg zum Restaurant in der Nähe seiner Wohnung waren. An diesem Abend war für uns wie gesagt Pizza dran und ich aß so viel wie schon lang nicht mehr. 
Irgendwie mochte ich São Paulo und deren Paulistas, wie die Einwohner dieser Monsterstadt genannt werden. Die schnelllebigste Stadt Lateinamerikas hat nicht nur eine Riesenauswahl an Essensmöglichkeiten, sondern darüber hinaus zich viele Bars und Pubs sowie zahlreiche Clubs als Ausgehmöglichkeit zu bieten. São Paulo ist aber auch die Arbeiterstadt Brasiliens schlecht hin und zusammen mit dem Restgebiet des gleichnamigen Staates der Motor des Landes. Über 40% des Bruttoinlandsprodukts Brasiliens wird im Staat São Paulo erwirtschaftet. Die größte Rivalität haben die Paulistas mit den Cariocas aus Rio, denn diesen wird vorgeworfen, dass sie den ganzen Tag nur am Strand entspannen, während die Paulistas fleißig ihrer Arbeit nach gehen. 
Das Stadtbild São Paulos kann man mit so mancher nordamerikanischen Großstadt durchaus mithalten. Die Wolkenkratzer sind je nach Stadtteil unterschiedlich modern. Die bekannteste Straße ist die Avenida Paulista. Hier wurde nach der Stadtgründung ein Bürogebäude neben dem anderen gebaut bis irgendwann kein Platz mehr war und neue Büroviertel entstehen mussten. 


Zwischenzeitlich verließ ich São Paulo. Mich zog es für ein paar Tage mal wieder ... ja wo auch sonst hin, an einen Strand. Die Ilhabela hatte ähnlich schöne Strände wie die Ilha Grande zu bieten, doch leider war der Entspannungsfaktor hier nicht allzu groß, da der größte Anteil der Bewohner Moskitos sind. Die Küstenstadt Ubatuba hingegen, war dagegen alles, nur nicht schön. Aufgrund eines brasilianischen Feiertags, der auf einen Montag viel, war der Strand so voll, dass Baden und Schwimmen fast zur Unmöglichkeit wurde.
Ansonsten verbrachte ich viel Zeit mit Daniel in São Paulo. Wir zogen abends durch Pubs mit guter Musik oder schauten uns Fußballspiele an, einmal sogar live im Stadion. Ich durfte ihn sogar einmal bei seiner Arbeit zum Mittagessen besuchen. Seit zwei Monaten arbeitete er nämlich für die brasilianische Niederlassung von Facebook. Wer hier arbeitet, kann sich ein Glückspilz nennen. Hier isst jeder Mitarbeiter mehrmals am Tag umsonst. Frühstücksbüffet, Mittagsbuffet, Nachmittagskaffee und darüber hinaus während der gesamten Arbeitszeit kalte und warme Getränke sowie Eis, alles wie gesagt umsonst. 



Samstag, 19. September 2015

Jericoacoara - wie ich meinen neuen Lieblingsort auf Erden fand

Lange konnte ich den Namen dieses kleinen Ortes mit knapp 2000 Einwohnern nicht einmal aussprechen. Wer weiß, vielleicht interessierte es mich gerade deshalb an diesen Ort an der nördöstlichen Atlantikküste Brasiliens zu gelangen. Zum ersten Mal laß ich über Jericoacoara, als ich noch in Kolumbien war und das Kapital Brasilien in meinem Lonely Planet durch blätterte. Wahrhaftig ein ganz spezieller Ort, so steht es dort geschrieben und genauso empfand ich es vom ersten Moment an. Nach einem Transfer von ca. 8 Stunden von Barreirinhas nach Jeri (so wird Jericoacoara einfacherheitshalber genannt) stellte ich gleich eines der sonderbarsten Merkmale des Ortes fest: Straßen? Ja, davon gibt es ein paar wenige in Jeri. Diese bestehen aber nicht aus Asphalt, sondern aus dem für Füße angenehmsten Material, weisem Sand. Schuhe sieht man hier äußerst selten, weder an den Füßen der Bewohner noch an denen der Besucher. Entweder trägt man Flipflops oder man ist barfuß unterwegs. Zweiteres war für mich persönlich am angenehmsten. Doch zurück zu meiner Ankunft. Ich hatte mal wieder keine Unterkunft im Voraus gebucht. Die Franzosen, die im gleichen Geländewagen mit mir nach Jeri fuhren, hatten im Voraus eines der im Internet meist genannten Hostels für sich gebucht. Dort fragte ich gleich mal nach und bekam eine Absage, da man ausgebucht war. Als ich dort nach einer günstigen Alternative fragte, nannte man mir das La Tapera Hostel nicht weit entfernt. Der Name kam mir gleich ungewöhnlich vor, zumal er spanisch und nicht portugiesich war. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass es für einen ganzen Monat mein Zuhause werden sollte und ich mich wahrlich wie daheim fühlen würde. Einen der größten Anteile an meinem langen Aufenthalt in Jeri hatte der junge Mann, der an einem kleinen Tisch saß als ich das kleine grüne Häuschen des La Tapera Hostels betrat, Mauricio. Das La Tapera Hostel, was eigentlich eher eine Pousada (Pension) war, gehörte seiner Mutter Lindalva, die jeden Morgen das herrlich frische Frühstück mit viel Liebe zubereitete. Mauricio leitete diese kleine familiäre Unterkunft, kümmerte sich um die Buchungen aus dem Internet und führte hier und dort immer wieder kleine Veränderungen durch um die Bleibe für Gäste noch gemütlicher und angenehmer zu gestalten. "Oí! Você fala inglês ou espanhol?" Soweit war ich mittlerweile mit meinem portugiesich schon gekommen. Spanisch war ihm lieber obwohl er auch Englisch sehr gut beherrschte und so führten wir unser Gespräch in meiner zweiten Muttersprache weiter. "Setz dich doch erstmal. Magst du einen Kaffee oder einen (frisch gemachten) Fruchtsaft? Du siehst aus als hättest du eine lange Anreise gehabt." Mauricio strahlte eine Ruhe und Gelassenheit aus, die wohl jeder auf Anhieb sympatisch finde würde. Hinzu kam sein lustiger Akzent wenn er Spanisch sprach (argentinisch mit brasilianischen Tonklang). Er hatte die Sprache während einer längeren Reise in Argentinien gelernt und kannte daher Worte aus der argentinischen Umgangssprache, die ich zuvor nie gehört hatte und mich fortan immer wieder zum totlachen brachten. Nach einem längeren Gespräch über seine und meine Reisen fragte er mich schließlich: "Wie lange willst du bleiben?" Meine Antwort lautete "4 oder 5 Tage". Wenige Zeit später hatte ich einen ersten Spaziergang durch Jeri und entlang des Hauptstrands gemacht. Mich fesselte etwas an diesen Ort. Ohne Zweifel war Jeri touristisch, jedoch auf seine besondere und überaus relaxte Art und Weise. Mich trieb es zurück zum Hostel zu einem weiteren Gespräch mit Mauricio, "Ich hätte da eine Frage. Wenn ich mindestens zwei Wochen bleibe und dir ein bisschen bei deiner Arbeit hier im Hostel helfe, könntest du mir dann einen Sonderpreis machen?" Mir war die Frage schon etwas unangenehm. Mit 40 R$ (umgerechnet ca. 9 €) pro Nacht hatte er mir bei der Ankunft einen für Brasilien durchaus günstigen Preis für ein Bett im Dorm angeboten. Umso mehr überraschte mich seine Antwort: "Da fragst du noch? Klar, machen wir das so. Ich kann deine Hilfe echt gut gebrauchen. Du hast mir doch vorhin erzählt, dass du schon mehrere Jahre in der Touristik arbeitest. Mit deiner Erfahrung und deinen Sprachkenntnissen, die besser sind als meine, könntest du mich echt unterstützen. Ich kann die Hälfte im Preis runter gehen. Ich würde es dir auch umsonst anbieten, aber dann würde ich dich bitten müssen, jeden Tag ca. 4 Stunden irgendwas zu arbeiten. Ich glaube für dich ist es besser, du geniesst hauptsächlich deinen Aufenthalt hier in Jeri und hilfst mir nur, wenn ich mal Hilfe brauche und du natürlich nichts anderes vorhast. Frühstück bleibt natürlich inklusive. Meine Mutter macht auch fast jeden Tag Mittagessen. Du kannst natürlich immer umsonst mitessen, es ist immer genug da. Ansonsten können wir ja Abends immer was zusammen kochen oder grillen und andere Gäste vom Hostel, die grade da sind, einladen mitzukochen und mitzuessen. Was meinst du? Eine Bedingung hätte ich allerdings. Ich gehe Abends ziemlich gern feiern. Du müsstest da immer mitkommen!" Mit diesem Satz und einem lauten Lachen beendete er sein "Angebot". Mir blieb nichts anderes übrig als mitzulachen und zu sagen: "Dann lass uns doch heute Abend gleich loslegen." So begann mein langer erlebnisreicher Aufenthalt in Jeri und im La Tapera Hostel und so begann auch eine besondere Freundschaft zwischen Mauricio und mir. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, hatten viele interessante Unterhaltungen und hin und wieder arbeiteten wir auch etwas. Ich würde es noch nicht mal als Arbeit bezeichnen. Es handelte sich um simple Dinge wie neue Fotos für die Internetauftritte zu machen und auf meinem iPad zu bearbeiten, Werbeschilder zu bemalen und zusammenzubauen und im Ort aufzustellen oder Texte für Hinweise im Hostel ins Englische übersetzen. Ansonsten fragte mich Mauricio hin und wieder um Rat aufgrund meiner Berufskenntnisse in der Touristik.
Wenn ich nicht gerade mit Mauricio unterwegs oder im Hostel war, genoss ich schlicht und einfach Jeri. Der Ort war klein und übersichtlich aber bot zusammen mit seiner Umgebung alles was man brauchte um sich entspannt und zufrieden zu fühlen. Inklusive der Wind- und Kitesurfer, die hier einen sehr großen Anteil der Besucher ausmachen, zieht es die meisten täglich ab ca. 17 Uhr auf die Duna do Pôr do Sol, einer riesigen Sanddüne, die direkt ans Meer grenzt und von aus man den Sonnenuntergang am Atlantik in einer durchweg natürlichen Umgebung betrachten kann. Ich persönlich war auf diesem Tourihügel nur zweimal, entdeckte aber immer wieder neue interessante Plätze für den Sonnenuntergang.


Zweimal besuchte ich das Naturwahrzeichen von Jeri, die Pedra Furada. Ein Felsbogen, der an einem 3 km abgelegen Strand liegt. Mitten durch diesen Bogen fließt bei starker Brandung das Wasser aus dem Meer durch. Wäre ich im Juli oder Anfang August da gewesen, hätte ich durch den Bogen ebenfalls einen Sonnenuntergang betrachten können.


Nach zwei Wochen in Jeri hielt mich die Energie dieses Ortes weiterhin fest. Mir war noch nicht nach Weiterreisen. Heute sage ich mir immer wieder, wie richtig die Entscheidung war, noch zu bleiben, denn genau zu diesem Zeitpunkt traten für Mauricio und mich neue Freunde in unser Leben. Zunächst war es Javier, ein braungebrannter Argentinier aus Buenos Aires, der zu dieser Zeit auf einer 3-monatigen Reise in Brasilien war. Javier war ein sehr herzlicher, korrekter und disziplinierter Mensch, über den Mauricio oft sagte, dass er eher als Deutscher durchgehen würde als ich. Einer meiner abendlichen Nebentätigkeiten im La Tapera Hostel, nämlich den Caipirinha für das Abendessen zuzubereiten, war ich ab sofort los. Diesen übergab ich ab dann an Javier. Am selben Tag kam auch Belen an, ebenfalls aus Buenos Aires. Sie war ähnlich wie ich auf einer mehrmonatigen Reise durch Lateinamerika, reiste aber mit einem deutlich kleineren Budget. Daher checkte sie nicht als Gast ein, sondern fragte bei Mauricio nach einem Aushilfsjob gegen kostenfreie Unterkunft nach. Als Belen ihn mit Zeichnungen aus ihrem Notizblock überzeugte, war für ihn klar, dass er ihr den Aushilfsjob geben musste. Sehr oft hatten Mauricio und ich in den vergangenen Tagen darüber gesprochen, dass wir an die Wand im gemütlichen Innenhof - wo wir und die Gäste uns die meiste Zeit aufhielten - eine riesige Straßenkarte von Jeri und der Umgebung malen sollten. Beide waren wir aber künstlerisch nicht besonders begabt. Daher war die Ankunft von Belen genau richtig. 
Von da an waren wir vier eine ganz enge Clique, gar eine Familie. Wir unternahmen auch viel zusammen, meist zusammen mit Mauricios Bruder Mardonio sowie Ignacio und Miguel (beide woher auch sonst aus Buenos Aires), die in einem anderen Hostel in Jeri untergebracht waren. Und so kam es, dass die Tour "Into the wild" für das La Tapera Hostel ins Leben gerufen wurde. Diese machten wir sieben genannten Personen an der Lagoa de Paraíso, dem beliebtesten Ausflugsziel von Jeri. An dieser gibt es eigentlich keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wir schuffen uns diese, machten ein Nachtlager mit Lagerfeuer auf einer flachen bewaldeten Düne nur 10 Meter vom Wasser entfernt und spannten Hängematten zum Schlafen zwischen zwei Bäumen auf. Am nächsten Morgen sprangen wir zum Wachwerden in die Lagune. 


Ansonsten tat sich einiges im La Tapera Hostel. Die Wandkarte von Belen wurde zum Blickpunkt der Augen aller Gäste schon während des Frühstücks. Zudem halfen Javier und ich Belen dabei, einen Tisch zu bemalen, weil sich Mauricio ein Schachbrett sowie ein Backgammonbrett gewünscht hatte. 


Sowohl die neuen Fotos auf den Buchungsinternetseiten als auch die von Mauricio und mir aufgestellten Schilder führten zu viel mehr neuen Buchungen und Anreisen als erwartet. Als das Haus auf einmal ziemlich voll war, war es wie es sich Mauricio immer gewünscht hatte. Ein kleines Haus, das jeder genießt als wäre es sein eigenes zu Hause, das er mit anderen Gastgebern teilt. Gäste machen zusammen Ausflüge, abends kochen, essen und trinken alle zusammen und führen interessante Gespräche bis spät in die Nacht.

Donnerstag, 20. August 2015

Lençóis Maranhenses - wahrlich Bettlaken, in denen ich gerne schlief

Nach drei Tagen in Belém, dieser großen Stadt, die statistisch gesehen mehr Kriminalität aufweist als São Paulo, war mir nur nach einem zumute, einem halbwechs sicheren Ort mit einer schönen und für mich neuen Umgebung. Ich verließ Belém mit dem Nachtbus nach São Luis nachdem ich mit Naoky noch einen Abschiedscaipirinha getrunken hatte. Doch São Luis sollte nach länger Überlegung doch nicht mein nächster Aufenthaltsort werden. Noch während der Fahrt entschied ich mich dazu, nach der Ankunft gar nicht erst in die Stadt reinzufahren, sondern am Busterminal (in Brasilien überall bekannt als Terminal Rodoviária) gleich auf den nächsten Bus in den Ort Barreirinhas zu warten. Dieser kleine touristische Ort am Rio Preguiça ist das Tor zu einem der bekanntesten Nationalparks Brasiliens, der Lençóis Maranhenses (auf portugiesich Bettlaken von Maranhão). Ich erreichte Barreirinhas wie schon so einige andere Orte auf dieser Reise erst nach Einbruch der Dunkelheit, etwas was ich gar nicht mag. Es liegt gar nicht daran, dass ich von Gefahr ausgehe, vielmehr ist es so, dass der erste Eindruck von einem neuen Ort etwas "düster" erscheint. Hinzu kommt, dass man noch seine Unterkunft suchen muss, falls man eine im Voraus sich ausgesucht hat oder manchmal sich überhaupt erst auf die Suche nach einer Bleibe machen muss, was ich sogar meist bevorzuge, weil die spontan gefundenen Hostels sich oft als die Besten ergeben. In Brasilien kann man manchmal sogar noch etwas über den Preis feilschen. Bei abendlicher Ankunft alles wie gesagt etwas schwieriger, zumal man auch müde von einer meist langen Fahrt ist. 
Aber genug jetzt mal von den Nebensächlichkeiten des Reisens und zurück zu Lençóis Maranhenses. Wer einmal dort war, weiß warum Lonely Planet es als einer der surrealsten Landschaften Südamerikas bezeichnet. Der Nationalpark, auch Brasiliens einzige Wüste genannt, mit seiner Größe von einundhalbtausend Quadratkilometern grenzt an die Atlantikküste des brasilianischen Bundesstaats Maranhão. Was man hier vorfindet, würde man an einer Küste und noch weniger im super-hitzigen Nordostbrasilien jedoch gar nicht erwarten. Weit und breit sichtet man Dünen aus feinem weisem Sand und dazwischen immer wieder kleine Lagunen, versteckt in der Tiefe zwischen den Dünen, so dass man sie nur sieht wenn man entweder über das Dünengebiet drüber fliegt oder auf Wüstenwanderschaft geht. Für Zweiteres werden von Barreirinhas jede Menge Tourmöglichkeiten zu für brasilianische Verhältnisse durchaus günstigen Preisen angeboten. Cineide, die extrem gastfreundliche Besitzerin meines kleinen Hostels, machte mir gleich drei Touren schmackhaft. Als sie mir dann noch den Transport zu meinem nächsten Ziel anbot und im Gesamtpreis dann noch etwas runter ging, sagte ich schließlich für alles zu. 
Die erste Tour ging am Morgen nach der Ankunft direkt ins Dünengebiet rein. Nach holpriger Fahrt mit dem Jeep durch Sandwege inklusive Flussüberquerung per Minifähre über den Rio Preguiça staunte ich nicht schlecht als ich mich auf einmal in der Wüste wiederfand. 


Noch erstaunlicher für mich war, dass man trotz der Megahitze hier gemütlich barfuss rumlaufen kann, also ohne irgendwelche Anzeichen sich die Füße zu verbrennen. Und kurz darauf erreicht man die erste Lagune, als würde man eine Fatamorgana vor sich sehen. Es handelt sich bei diesen Gewässern nicht etwa um verstautes Meerwasser sondern um Regenwasser, denn Niederschläge gibt es hier in der Regenzeit sehr viele. Morgens beim Frühstück bestätigte mir Cineide noch etwas, was ich schon zuvor im Internet gelesen hatte, dass ich nämlich im idealsten Monat den Nationalpark besuchte, denn Niederschläge sind in den Monaten zuvor sehr üblich, so dass der Wasserstand in den Lagunen höher ist als an allen anderen Monaten und somit Baden eine wahre Freude ist. 
Meine Nachmittagstour ging auch wieder ins Dünengebiet. Auch hier gab es wieder Lagunen, in dem man baden konnte. Aber das Besondere war hier die Höhe der Dünen. Einen Ausblick, der kaum in Worte zu fassen ist und dann auch noch Sonnenuntergang. 
 
 
Meine letzte Tour von Barreirinhas aus war zur Abwechslung mal wieder mit dem Boot. Es ging flussaufwärts den Rio Preguiça entlang. Ziel war das Dorf Caburé. Zunächst wurde eine kleine Siedlung mit einem Leuchtturm besucht, von wo aus man einen schönen Ausblick auf den Fluss sowie das weiter entfernte Meer hatte. Danach ging es noch an den Strand. Das Besondere an diesem war, dass dieser auf der einen Seite Zugang zum Atlantik hatte auf der anderen Seite zum Fluss. Beides optimale Badebedingunen. Einmal süß, einmal salzig und dazwischen wie überall in der Umgebung weiser Dünensand.


Mittwoch, 12. August 2015

Rio Amazonas - auf dem wasserreichsten Fluss der Welt in das größte Land Lateinamerikas

Bei meinem Abschied aus Bogotá Ende Juli spielten meine Gedanken ziemlich verrückt. Einerseits hatte ich mich sehr schnell und gerne an die Geborgenheit durch die Familie meiner Mutter gewöhnt, weshalb mir der Abschied echt schwer viel, und dies obwohl ich wusste, dass ich zum Ende meiner Reise zurückkommen würde um aus Bogotá nach Deutschland zurück zu fliegen. Andererseits war ich kurz vor einem meiner Highlights auf meiner Reise, einer langen Schifffahrt auf dem wasserreichsten Fluss der Welt, dem Rio Amazonas.


Um dieses Abenteuer beginnen zu können, musste ich gezwungenermaßen erstmal in einen Flieger steigen. Ziel war die Kleinstadt Leticia, dem südlichsten Punkt auf der Landkarte Kolumbiens. Hier gibt es weit und breit nicht viel außer zwei Dinge: Den scheinbar unendlichen Regenwald und den Amazonas. Zusammen mit Santa Rosa (Peru) und Tabatinga (Brasilien) stellt Leticia das Dreiländereck der drei Staaten am Amazonas dar. Leticia und Tabatinga sind quasi zusammengewachsen, so dass man ohne Grenzkontrolle einen Fuß auf brasilianischen Boden setzen kann. Lediglich für eine Weiterreise in Brasilien muss man sich einen Ausreisestempel holen. 
In meinem Hostel in Leticia (nur 5 Minuten von der gedachten Grenze zu Brasilien entfernt) lernte ich den sehr lebensfreudigen Japaner Naoky kennen. Sofort überraschte es mich, dass er für einen Asiaten erstaunlich gut Spanisch spricht. Als ich ihm dann erzählte, dass ich meine Reise vier Monate zuvor in Mexiko begonnen hatte, lächelte er äußerst erfreut und erzählte mit voller Stolz: "Ich lebe seit 10 Jahren in Mexiko, im Bundesstaat Baja California Sur (Süd-Niederkalifornien)." Naoky machte einen mehrmonatigen Urlaub während der Hurricane-Saison in seinem Zuhause in Mexiko, hielt sich zunächst mehrere Wochen an der Pazifikküste Perus auf und besuchte dort Freunde, die er über viele Jahre während seiner Leidenschaft, dem Surfen, kennen gelernt hatte. Da er noch über einen Monat Zeit hatte um in Mexiko wieder seine Arbeit als Sushi-Koch aufzunehmen, entschloss er sich, ähnlich wie ich, über den Amazonas nach Brasilien mit dem Schiff zu fahren. Als wir uns kennen lernten, hatte er bereits seine erste Schifffahrt hinter sich, nämlich von Iquitos in Peru (wo der Amazonas lt. vielen Meinungen beginnt) zum Dreiländereck. 
Nach zwei Nächten in Leticia machten mein neuer japanischer Freund und ich einen langen Spaziergang. Zunächst ging es zum 2 km entfernten Flughafen, an dem ich auch zwei Tage zuvor gelandet war. Dort mussten wir uns unseren Ausreisestempel von den kolumbianischen Behörden holen. Danach ging es mehrere Kilometer wieder in die andere Richtung, über die gedachte Grenze auf die brasilianische Seite zur Polícia Federal do Brasil in Tabatinga. Hier erhielten wir unseren Einreisestempel für Brasilien. Jetzt fehlte nur noch eins, das Ticket für das Schiff auf dem wir einen Tag später auf dem Amazonas weiter ins Landesinnere Brasiliens reisen wollten. Dabei wurde uns sehr schnell klar, welche sprachliche Herausforderung auf uns in naher Zukunft zukommen sollte. Keiner von uns konnte nur einen Hauch portugiesisch und unsere Vermutung, dass in einem Grenzgebiet fast jeder beide Sprachen sprechen würde, bestätigten sich nicht. Ich machte die Erfahrung, die ich schon öfters gemacht hatte, nämlich, dass Brasilianer (sowie Portugiesen) spanisch sprechende Menschen wie uns recht gut verstehen, wir andersherum nur jedes fünfte Wort. Mit den genannten leichten Verständigungsproblemen bekamen wir unser Ticket direkt beim Kapitän des Schiffes, was am nächsten Tag zur Mittagszeit abfahren sollte. Wir verstanden, dass wir bereits zwei Stunden früher aufs Schiff konnten (oder eher gesagt sollten), damit wir unsere Hängematten auf Deck spannen konnten um nicht später die eher unbeliebten Plätze in der Nähe der Toilette oder des Motors zu ergattern. 


Am nächsten Tag ging es dann endlich los. Ich war nervös wie ein kleines Kind an Weihnachten. Vor mir lag eine Schiffreise mit Übernachtung in der Hängematte vor mir, von der ich noch nicht einmal wusste wir lange sie denn dauern würde. Das Schiff sollte nach 4 Tagen (3 Nächten) Manaus erreichen, eine Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern mitten im brasilianischen Regenwaldgebiet. Von dort aus gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten um weiter in Brasilien zu reisen. Entweder einen Flug in eine andere brasilianische Stadt buchen oder weiter mit einem anderen Schiff stromaufwärts auf dem Amazonas zu fahren. 


Tatsächlich ging ich zusammen mit Naoky in Manaus von Bord und entschlossen uns erstmal eine Pause von der Schifffahrt zu machen. Wir blieben 2 Tage in Manaus ohne irgendwelche nennenswerten Unternehmungen. Danach ging es wieder aufs Schiff. Diesmal nur für einundhalb Tage (1 Nacht) bis nach Santarem. Diese Stadt bot nicht mehr als Manaus. Daher blieben wir auch nicht dort, sondern fuhren ins 30 km entfernte Alter do Chão, einem kleinen Dorf am Rio Tapajós, einem Nebenfluss des Amazonas. Das Wasser dieses Flusses ist im Gegensatz zu dem vom Amazonas glasklar und darüberhinaus macht das Ufer sowie eine lange Sandbank zur gegenüberliegenden Insel Ilha do Amor (beides mit weisem Sand) zu einem wahren Stranderlebnis. Uns kam es wie ein kleines Paradies vor und das obwohl viele der Einheimischen uns erzählten (mittlerweile verstanden wir doch mehr portugiesisch), dass wir gut einen Monat zu früh gekommen waren, denn der Wasserstand des Tapajós war noch recht hoch, so dass Ufer und Sandbank noch nicht komplett zu sehen waren. Wir hatten auf jeden Fall einen riesen Spaß. Den ganzen Tag konnten wir baden als wären wir an einem Karibikstrand oder gemütlich in einem der Stühle der Strandbars, welche fast halb im Wasser standen, ein kühles Getränk zu uns nehmen. 


Nach drei Tagen an diesem schönen Ort ging es zurück zum Hafen von Santarem um wieder auf ein Schiff zu steigen. Für mich war klar, dass es auf dieser Reise meine letzte Schifffahrt auf dem Amazonas werden sollte. Ich hatte rund 4500 km auf diesem Fluss zurück gelegt und obwohl es mir sehr gefiel, wollte ich jetzt einfach mal was anders. Das Ziel nach 2 Tagen war Belém, eine wieder sehr große Stadt an der Mündung des Amazonas in den Atlantik. Als wir ankamen, war uns die leichte Erschöpfung auch anzumerken, auch wenn dieser letzte Abschnitt auf dem Fluss uns durch die teilweise gute Nähe zum Ufer uns nochmal atemberaubende Bilder bot. 


Vor allem mein japanischer Freund hatte sein sympatisches Lächeln kurzzeitig verloren. Ihm machte die mangelnde Abwechslung des Essens zu schaffen, zumal es auf dem Schiff immer das Gleiche gab (Reis, Bohnen, Nudeln mit etwas Fleisch oder Huhn). Dazu kam noch die Hitze, der man an Bord kaum  entfliehen konnte. Ich glaube, ich habe selten zuvor einen so glücklichen Asiaten gesehen, als zu dem Zeitpunkt als wir bei unserer ersten Nacht in Belém in unserem Hostelzimmer saßen, eine Pizza aßen und die Klimaanlage auf uns niederwehte.