Samstag, 19. September 2015

Jericoacoara - wie ich meinen neuen Lieblingsort auf Erden fand

Lange konnte ich den Namen dieses kleinen Ortes mit knapp 2000 Einwohnern nicht einmal aussprechen. Wer weiß, vielleicht interessierte es mich gerade deshalb an diesen Ort an der nördöstlichen Atlantikküste Brasiliens zu gelangen. Zum ersten Mal laß ich über Jericoacoara, als ich noch in Kolumbien war und das Kapital Brasilien in meinem Lonely Planet durch blätterte. Wahrhaftig ein ganz spezieller Ort, so steht es dort geschrieben und genauso empfand ich es vom ersten Moment an. Nach einem Transfer von ca. 8 Stunden von Barreirinhas nach Jeri (so wird Jericoacoara einfacherheitshalber genannt) stellte ich gleich eines der sonderbarsten Merkmale des Ortes fest: Straßen? Ja, davon gibt es ein paar wenige in Jeri. Diese bestehen aber nicht aus Asphalt, sondern aus dem für Füße angenehmsten Material, weisem Sand. Schuhe sieht man hier äußerst selten, weder an den Füßen der Bewohner noch an denen der Besucher. Entweder trägt man Flipflops oder man ist barfuß unterwegs. Zweiteres war für mich persönlich am angenehmsten. Doch zurück zu meiner Ankunft. Ich hatte mal wieder keine Unterkunft im Voraus gebucht. Die Franzosen, die im gleichen Geländewagen mit mir nach Jeri fuhren, hatten im Voraus eines der im Internet meist genannten Hostels für sich gebucht. Dort fragte ich gleich mal nach und bekam eine Absage, da man ausgebucht war. Als ich dort nach einer günstigen Alternative fragte, nannte man mir das La Tapera Hostel nicht weit entfernt. Der Name kam mir gleich ungewöhnlich vor, zumal er spanisch und nicht portugiesich war. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass es für einen ganzen Monat mein Zuhause werden sollte und ich mich wahrlich wie daheim fühlen würde. Einen der größten Anteile an meinem langen Aufenthalt in Jeri hatte der junge Mann, der an einem kleinen Tisch saß als ich das kleine grüne Häuschen des La Tapera Hostels betrat, Mauricio. Das La Tapera Hostel, was eigentlich eher eine Pousada (Pension) war, gehörte seiner Mutter Lindalva, die jeden Morgen das herrlich frische Frühstück mit viel Liebe zubereitete. Mauricio leitete diese kleine familiäre Unterkunft, kümmerte sich um die Buchungen aus dem Internet und führte hier und dort immer wieder kleine Veränderungen durch um die Bleibe für Gäste noch gemütlicher und angenehmer zu gestalten. "Oí! Você fala inglês ou espanhol?" Soweit war ich mittlerweile mit meinem portugiesich schon gekommen. Spanisch war ihm lieber obwohl er auch Englisch sehr gut beherrschte und so führten wir unser Gespräch in meiner zweiten Muttersprache weiter. "Setz dich doch erstmal. Magst du einen Kaffee oder einen (frisch gemachten) Fruchtsaft? Du siehst aus als hättest du eine lange Anreise gehabt." Mauricio strahlte eine Ruhe und Gelassenheit aus, die wohl jeder auf Anhieb sympatisch finde würde. Hinzu kam sein lustiger Akzent wenn er Spanisch sprach (argentinisch mit brasilianischen Tonklang). Er hatte die Sprache während einer längeren Reise in Argentinien gelernt und kannte daher Worte aus der argentinischen Umgangssprache, die ich zuvor nie gehört hatte und mich fortan immer wieder zum totlachen brachten. Nach einem längeren Gespräch über seine und meine Reisen fragte er mich schließlich: "Wie lange willst du bleiben?" Meine Antwort lautete "4 oder 5 Tage". Wenige Zeit später hatte ich einen ersten Spaziergang durch Jeri und entlang des Hauptstrands gemacht. Mich fesselte etwas an diesen Ort. Ohne Zweifel war Jeri touristisch, jedoch auf seine besondere und überaus relaxte Art und Weise. Mich trieb es zurück zum Hostel zu einem weiteren Gespräch mit Mauricio, "Ich hätte da eine Frage. Wenn ich mindestens zwei Wochen bleibe und dir ein bisschen bei deiner Arbeit hier im Hostel helfe, könntest du mir dann einen Sonderpreis machen?" Mir war die Frage schon etwas unangenehm. Mit 40 R$ (umgerechnet ca. 9 €) pro Nacht hatte er mir bei der Ankunft einen für Brasilien durchaus günstigen Preis für ein Bett im Dorm angeboten. Umso mehr überraschte mich seine Antwort: "Da fragst du noch? Klar, machen wir das so. Ich kann deine Hilfe echt gut gebrauchen. Du hast mir doch vorhin erzählt, dass du schon mehrere Jahre in der Touristik arbeitest. Mit deiner Erfahrung und deinen Sprachkenntnissen, die besser sind als meine, könntest du mich echt unterstützen. Ich kann die Hälfte im Preis runter gehen. Ich würde es dir auch umsonst anbieten, aber dann würde ich dich bitten müssen, jeden Tag ca. 4 Stunden irgendwas zu arbeiten. Ich glaube für dich ist es besser, du geniesst hauptsächlich deinen Aufenthalt hier in Jeri und hilfst mir nur, wenn ich mal Hilfe brauche und du natürlich nichts anderes vorhast. Frühstück bleibt natürlich inklusive. Meine Mutter macht auch fast jeden Tag Mittagessen. Du kannst natürlich immer umsonst mitessen, es ist immer genug da. Ansonsten können wir ja Abends immer was zusammen kochen oder grillen und andere Gäste vom Hostel, die grade da sind, einladen mitzukochen und mitzuessen. Was meinst du? Eine Bedingung hätte ich allerdings. Ich gehe Abends ziemlich gern feiern. Du müsstest da immer mitkommen!" Mit diesem Satz und einem lauten Lachen beendete er sein "Angebot". Mir blieb nichts anderes übrig als mitzulachen und zu sagen: "Dann lass uns doch heute Abend gleich loslegen." So begann mein langer erlebnisreicher Aufenthalt in Jeri und im La Tapera Hostel und so begann auch eine besondere Freundschaft zwischen Mauricio und mir. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, hatten viele interessante Unterhaltungen und hin und wieder arbeiteten wir auch etwas. Ich würde es noch nicht mal als Arbeit bezeichnen. Es handelte sich um simple Dinge wie neue Fotos für die Internetauftritte zu machen und auf meinem iPad zu bearbeiten, Werbeschilder zu bemalen und zusammenzubauen und im Ort aufzustellen oder Texte für Hinweise im Hostel ins Englische übersetzen. Ansonsten fragte mich Mauricio hin und wieder um Rat aufgrund meiner Berufskenntnisse in der Touristik.
Wenn ich nicht gerade mit Mauricio unterwegs oder im Hostel war, genoss ich schlicht und einfach Jeri. Der Ort war klein und übersichtlich aber bot zusammen mit seiner Umgebung alles was man brauchte um sich entspannt und zufrieden zu fühlen. Inklusive der Wind- und Kitesurfer, die hier einen sehr großen Anteil der Besucher ausmachen, zieht es die meisten täglich ab ca. 17 Uhr auf die Duna do Pôr do Sol, einer riesigen Sanddüne, die direkt ans Meer grenzt und von aus man den Sonnenuntergang am Atlantik in einer durchweg natürlichen Umgebung betrachten kann. Ich persönlich war auf diesem Tourihügel nur zweimal, entdeckte aber immer wieder neue interessante Plätze für den Sonnenuntergang.


Zweimal besuchte ich das Naturwahrzeichen von Jeri, die Pedra Furada. Ein Felsbogen, der an einem 3 km abgelegen Strand liegt. Mitten durch diesen Bogen fließt bei starker Brandung das Wasser aus dem Meer durch. Wäre ich im Juli oder Anfang August da gewesen, hätte ich durch den Bogen ebenfalls einen Sonnenuntergang betrachten können.


Nach zwei Wochen in Jeri hielt mich die Energie dieses Ortes weiterhin fest. Mir war noch nicht nach Weiterreisen. Heute sage ich mir immer wieder, wie richtig die Entscheidung war, noch zu bleiben, denn genau zu diesem Zeitpunkt traten für Mauricio und mich neue Freunde in unser Leben. Zunächst war es Javier, ein braungebrannter Argentinier aus Buenos Aires, der zu dieser Zeit auf einer 3-monatigen Reise in Brasilien war. Javier war ein sehr herzlicher, korrekter und disziplinierter Mensch, über den Mauricio oft sagte, dass er eher als Deutscher durchgehen würde als ich. Einer meiner abendlichen Nebentätigkeiten im La Tapera Hostel, nämlich den Caipirinha für das Abendessen zuzubereiten, war ich ab sofort los. Diesen übergab ich ab dann an Javier. Am selben Tag kam auch Belen an, ebenfalls aus Buenos Aires. Sie war ähnlich wie ich auf einer mehrmonatigen Reise durch Lateinamerika, reiste aber mit einem deutlich kleineren Budget. Daher checkte sie nicht als Gast ein, sondern fragte bei Mauricio nach einem Aushilfsjob gegen kostenfreie Unterkunft nach. Als Belen ihn mit Zeichnungen aus ihrem Notizblock überzeugte, war für ihn klar, dass er ihr den Aushilfsjob geben musste. Sehr oft hatten Mauricio und ich in den vergangenen Tagen darüber gesprochen, dass wir an die Wand im gemütlichen Innenhof - wo wir und die Gäste uns die meiste Zeit aufhielten - eine riesige Straßenkarte von Jeri und der Umgebung malen sollten. Beide waren wir aber künstlerisch nicht besonders begabt. Daher war die Ankunft von Belen genau richtig. 
Von da an waren wir vier eine ganz enge Clique, gar eine Familie. Wir unternahmen auch viel zusammen, meist zusammen mit Mauricios Bruder Mardonio sowie Ignacio und Miguel (beide woher auch sonst aus Buenos Aires), die in einem anderen Hostel in Jeri untergebracht waren. Und so kam es, dass die Tour "Into the wild" für das La Tapera Hostel ins Leben gerufen wurde. Diese machten wir sieben genannten Personen an der Lagoa de Paraíso, dem beliebtesten Ausflugsziel von Jeri. An dieser gibt es eigentlich keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wir schuffen uns diese, machten ein Nachtlager mit Lagerfeuer auf einer flachen bewaldeten Düne nur 10 Meter vom Wasser entfernt und spannten Hängematten zum Schlafen zwischen zwei Bäumen auf. Am nächsten Morgen sprangen wir zum Wachwerden in die Lagune. 


Ansonsten tat sich einiges im La Tapera Hostel. Die Wandkarte von Belen wurde zum Blickpunkt der Augen aller Gäste schon während des Frühstücks. Zudem halfen Javier und ich Belen dabei, einen Tisch zu bemalen, weil sich Mauricio ein Schachbrett sowie ein Backgammonbrett gewünscht hatte. 


Sowohl die neuen Fotos auf den Buchungsinternetseiten als auch die von Mauricio und mir aufgestellten Schilder führten zu viel mehr neuen Buchungen und Anreisen als erwartet. Als das Haus auf einmal ziemlich voll war, war es wie es sich Mauricio immer gewünscht hatte. Ein kleines Haus, das jeder genießt als wäre es sein eigenes zu Hause, das er mit anderen Gastgebern teilt. Gäste machen zusammen Ausflüge, abends kochen, essen und trinken alle zusammen und führen interessante Gespräche bis spät in die Nacht.

Donnerstag, 20. August 2015

Lençóis Maranhenses - wahrlich Bettlaken, in denen ich gerne schlief

Nach drei Tagen in Belém, dieser großen Stadt, die statistisch gesehen mehr Kriminalität aufweist als São Paulo, war mir nur nach einem zumute, einem halbwechs sicheren Ort mit einer schönen und für mich neuen Umgebung. Ich verließ Belém mit dem Nachtbus nach São Luis nachdem ich mit Naoky noch einen Abschiedscaipirinha getrunken hatte. Doch São Luis sollte nach länger Überlegung doch nicht mein nächster Aufenthaltsort werden. Noch während der Fahrt entschied ich mich dazu, nach der Ankunft gar nicht erst in die Stadt reinzufahren, sondern am Busterminal (in Brasilien überall bekannt als Terminal Rodoviária) gleich auf den nächsten Bus in den Ort Barreirinhas zu warten. Dieser kleine touristische Ort am Rio Preguiça ist das Tor zu einem der bekanntesten Nationalparks Brasiliens, der Lençóis Maranhenses (auf portugiesich Bettlaken von Maranhão). Ich erreichte Barreirinhas wie schon so einige andere Orte auf dieser Reise erst nach Einbruch der Dunkelheit, etwas was ich gar nicht mag. Es liegt gar nicht daran, dass ich von Gefahr ausgehe, vielmehr ist es so, dass der erste Eindruck von einem neuen Ort etwas "düster" erscheint. Hinzu kommt, dass man noch seine Unterkunft suchen muss, falls man eine im Voraus sich ausgesucht hat oder manchmal sich überhaupt erst auf die Suche nach einer Bleibe machen muss, was ich sogar meist bevorzuge, weil die spontan gefundenen Hostels sich oft als die Besten ergeben. In Brasilien kann man manchmal sogar noch etwas über den Preis feilschen. Bei abendlicher Ankunft alles wie gesagt etwas schwieriger, zumal man auch müde von einer meist langen Fahrt ist. 
Aber genug jetzt mal von den Nebensächlichkeiten des Reisens und zurück zu Lençóis Maranhenses. Wer einmal dort war, weiß warum Lonely Planet es als einer der surrealsten Landschaften Südamerikas bezeichnet. Der Nationalpark, auch Brasiliens einzige Wüste genannt, mit seiner Größe von einundhalbtausend Quadratkilometern grenzt an die Atlantikküste des brasilianischen Bundesstaats Maranhão. Was man hier vorfindet, würde man an einer Küste und noch weniger im super-hitzigen Nordostbrasilien jedoch gar nicht erwarten. Weit und breit sichtet man Dünen aus feinem weisem Sand und dazwischen immer wieder kleine Lagunen, versteckt in der Tiefe zwischen den Dünen, so dass man sie nur sieht wenn man entweder über das Dünengebiet drüber fliegt oder auf Wüstenwanderschaft geht. Für Zweiteres werden von Barreirinhas jede Menge Tourmöglichkeiten zu für brasilianische Verhältnisse durchaus günstigen Preisen angeboten. Cineide, die extrem gastfreundliche Besitzerin meines kleinen Hostels, machte mir gleich drei Touren schmackhaft. Als sie mir dann noch den Transport zu meinem nächsten Ziel anbot und im Gesamtpreis dann noch etwas runter ging, sagte ich schließlich für alles zu. 
Die erste Tour ging am Morgen nach der Ankunft direkt ins Dünengebiet rein. Nach holpriger Fahrt mit dem Jeep durch Sandwege inklusive Flussüberquerung per Minifähre über den Rio Preguiça staunte ich nicht schlecht als ich mich auf einmal in der Wüste wiederfand. 


Noch erstaunlicher für mich war, dass man trotz der Megahitze hier gemütlich barfuss rumlaufen kann, also ohne irgendwelche Anzeichen sich die Füße zu verbrennen. Und kurz darauf erreicht man die erste Lagune, als würde man eine Fatamorgana vor sich sehen. Es handelt sich bei diesen Gewässern nicht etwa um verstautes Meerwasser sondern um Regenwasser, denn Niederschläge gibt es hier in der Regenzeit sehr viele. Morgens beim Frühstück bestätigte mir Cineide noch etwas, was ich schon zuvor im Internet gelesen hatte, dass ich nämlich im idealsten Monat den Nationalpark besuchte, denn Niederschläge sind in den Monaten zuvor sehr üblich, so dass der Wasserstand in den Lagunen höher ist als an allen anderen Monaten und somit Baden eine wahre Freude ist. 
Meine Nachmittagstour ging auch wieder ins Dünengebiet. Auch hier gab es wieder Lagunen, in dem man baden konnte. Aber das Besondere war hier die Höhe der Dünen. Einen Ausblick, der kaum in Worte zu fassen ist und dann auch noch Sonnenuntergang. 
 
 
Meine letzte Tour von Barreirinhas aus war zur Abwechslung mal wieder mit dem Boot. Es ging flussaufwärts den Rio Preguiça entlang. Ziel war das Dorf Caburé. Zunächst wurde eine kleine Siedlung mit einem Leuchtturm besucht, von wo aus man einen schönen Ausblick auf den Fluss sowie das weiter entfernte Meer hatte. Danach ging es noch an den Strand. Das Besondere an diesem war, dass dieser auf der einen Seite Zugang zum Atlantik hatte auf der anderen Seite zum Fluss. Beides optimale Badebedingunen. Einmal süß, einmal salzig und dazwischen wie überall in der Umgebung weiser Dünensand.


Mittwoch, 12. August 2015

Rio Amazonas - auf dem wasserreichsten Fluss der Welt in das größte Land Lateinamerikas

Bei meinem Abschied aus Bogotá Ende Juli spielten meine Gedanken ziemlich verrückt. Einerseits hatte ich mich sehr schnell und gerne an die Geborgenheit durch die Familie meiner Mutter gewöhnt, weshalb mir der Abschied echt schwer viel, und dies obwohl ich wusste, dass ich zum Ende meiner Reise zurückkommen würde um aus Bogotá nach Deutschland zurück zu fliegen. Andererseits war ich kurz vor einem meiner Highlights auf meiner Reise, einer langen Schifffahrt auf dem wasserreichsten Fluss der Welt, dem Rio Amazonas.


Um dieses Abenteuer beginnen zu können, musste ich gezwungenermaßen erstmal in einen Flieger steigen. Ziel war die Kleinstadt Leticia, dem südlichsten Punkt auf der Landkarte Kolumbiens. Hier gibt es weit und breit nicht viel außer zwei Dinge: Den scheinbar unendlichen Regenwald und den Amazonas. Zusammen mit Santa Rosa (Peru) und Tabatinga (Brasilien) stellt Leticia das Dreiländereck der drei Staaten am Amazonas dar. Leticia und Tabatinga sind quasi zusammengewachsen, so dass man ohne Grenzkontrolle einen Fuß auf brasilianischen Boden setzen kann. Lediglich für eine Weiterreise in Brasilien muss man sich einen Ausreisestempel holen. 
In meinem Hostel in Leticia (nur 5 Minuten von der gedachten Grenze zu Brasilien entfernt) lernte ich den sehr lebensfreudigen Japaner Naoky kennen. Sofort überraschte es mich, dass er für einen Asiaten erstaunlich gut Spanisch spricht. Als ich ihm dann erzählte, dass ich meine Reise vier Monate zuvor in Mexiko begonnen hatte, lächelte er äußerst erfreut und erzählte mit voller Stolz: "Ich lebe seit 10 Jahren in Mexiko, im Bundesstaat Baja California Sur (Süd-Niederkalifornien)." Naoky machte einen mehrmonatigen Urlaub während der Hurricane-Saison in seinem Zuhause in Mexiko, hielt sich zunächst mehrere Wochen an der Pazifikküste Perus auf und besuchte dort Freunde, die er über viele Jahre während seiner Leidenschaft, dem Surfen, kennen gelernt hatte. Da er noch über einen Monat Zeit hatte um in Mexiko wieder seine Arbeit als Sushi-Koch aufzunehmen, entschloss er sich, ähnlich wie ich, über den Amazonas nach Brasilien mit dem Schiff zu fahren. Als wir uns kennen lernten, hatte er bereits seine erste Schifffahrt hinter sich, nämlich von Iquitos in Peru (wo der Amazonas lt. vielen Meinungen beginnt) zum Dreiländereck. 
Nach zwei Nächten in Leticia machten mein neuer japanischer Freund und ich einen langen Spaziergang. Zunächst ging es zum 2 km entfernten Flughafen, an dem ich auch zwei Tage zuvor gelandet war. Dort mussten wir uns unseren Ausreisestempel von den kolumbianischen Behörden holen. Danach ging es mehrere Kilometer wieder in die andere Richtung, über die gedachte Grenze auf die brasilianische Seite zur Polícia Federal do Brasil in Tabatinga. Hier erhielten wir unseren Einreisestempel für Brasilien. Jetzt fehlte nur noch eins, das Ticket für das Schiff auf dem wir einen Tag später auf dem Amazonas weiter ins Landesinnere Brasiliens reisen wollten. Dabei wurde uns sehr schnell klar, welche sprachliche Herausforderung auf uns in naher Zukunft zukommen sollte. Keiner von uns konnte nur einen Hauch portugiesisch und unsere Vermutung, dass in einem Grenzgebiet fast jeder beide Sprachen sprechen würde, bestätigten sich nicht. Ich machte die Erfahrung, die ich schon öfters gemacht hatte, nämlich, dass Brasilianer (sowie Portugiesen) spanisch sprechende Menschen wie uns recht gut verstehen, wir andersherum nur jedes fünfte Wort. Mit den genannten leichten Verständigungsproblemen bekamen wir unser Ticket direkt beim Kapitän des Schiffes, was am nächsten Tag zur Mittagszeit abfahren sollte. Wir verstanden, dass wir bereits zwei Stunden früher aufs Schiff konnten (oder eher gesagt sollten), damit wir unsere Hängematten auf Deck spannen konnten um nicht später die eher unbeliebten Plätze in der Nähe der Toilette oder des Motors zu ergattern. 


Am nächsten Tag ging es dann endlich los. Ich war nervös wie ein kleines Kind an Weihnachten. Vor mir lag eine Schiffreise mit Übernachtung in der Hängematte vor mir, von der ich noch nicht einmal wusste wir lange sie denn dauern würde. Das Schiff sollte nach 4 Tagen (3 Nächten) Manaus erreichen, eine Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern mitten im brasilianischen Regenwaldgebiet. Von dort aus gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten um weiter in Brasilien zu reisen. Entweder einen Flug in eine andere brasilianische Stadt buchen oder weiter mit einem anderen Schiff stromaufwärts auf dem Amazonas zu fahren. 


Tatsächlich ging ich zusammen mit Naoky in Manaus von Bord und entschlossen uns erstmal eine Pause von der Schifffahrt zu machen. Wir blieben 2 Tage in Manaus ohne irgendwelche nennenswerten Unternehmungen. Danach ging es wieder aufs Schiff. Diesmal nur für einundhalb Tage (1 Nacht) bis nach Santarem. Diese Stadt bot nicht mehr als Manaus. Daher blieben wir auch nicht dort, sondern fuhren ins 30 km entfernte Alter do Chão, einem kleinen Dorf am Rio Tapajós, einem Nebenfluss des Amazonas. Das Wasser dieses Flusses ist im Gegensatz zu dem vom Amazonas glasklar und darüberhinaus macht das Ufer sowie eine lange Sandbank zur gegenüberliegenden Insel Ilha do Amor (beides mit weisem Sand) zu einem wahren Stranderlebnis. Uns kam es wie ein kleines Paradies vor und das obwohl viele der Einheimischen uns erzählten (mittlerweile verstanden wir doch mehr portugiesisch), dass wir gut einen Monat zu früh gekommen waren, denn der Wasserstand des Tapajós war noch recht hoch, so dass Ufer und Sandbank noch nicht komplett zu sehen waren. Wir hatten auf jeden Fall einen riesen Spaß. Den ganzen Tag konnten wir baden als wären wir an einem Karibikstrand oder gemütlich in einem der Stühle der Strandbars, welche fast halb im Wasser standen, ein kühles Getränk zu uns nehmen. 


Nach drei Tagen an diesem schönen Ort ging es zurück zum Hafen von Santarem um wieder auf ein Schiff zu steigen. Für mich war klar, dass es auf dieser Reise meine letzte Schifffahrt auf dem Amazonas werden sollte. Ich hatte rund 4500 km auf diesem Fluss zurück gelegt und obwohl es mir sehr gefiel, wollte ich jetzt einfach mal was anders. Das Ziel nach 2 Tagen war Belém, eine wieder sehr große Stadt an der Mündung des Amazonas in den Atlantik. Als wir ankamen, war uns die leichte Erschöpfung auch anzumerken, auch wenn dieser letzte Abschnitt auf dem Fluss uns durch die teilweise gute Nähe zum Ufer uns nochmal atemberaubende Bilder bot. 


Vor allem mein japanischer Freund hatte sein sympatisches Lächeln kurzzeitig verloren. Ihm machte die mangelnde Abwechslung des Essens zu schaffen, zumal es auf dem Schiff immer das Gleiche gab (Reis, Bohnen, Nudeln mit etwas Fleisch oder Huhn). Dazu kam noch die Hitze, der man an Bord kaum  entfliehen konnte. Ich glaube, ich habe selten zuvor einen so glücklichen Asiaten gesehen, als zu dem Zeitpunkt als wir bei unserer ersten Nacht in Belém in unserem Hostelzimmer saßen, eine Pizza aßen und die Klimaanlage auf uns niederwehte. 

Montag, 27. Juli 2015

Kurzes Lebenszeichen und Titeländerung

Der letzte Blogpost liegt schon einige Zeit zurück und meine Einreise in Kolumbien ist bereits 6 Wochen her. 
Allzu viel gibt es über diese vergangene Zeit nicht zu berichten, denn eigentlich waren diese einundhalb Monate eher eine Unterbrechung meiner Reise. Hauptsächlich verbrachte ich diese bei der Familie meiner Mutter in Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien. An Wochenenden unternahm ich mit Verwandten meist Ausflüge in andere Orte des Landes und für ein paar Tage besuchte ich eine Freundin in Rio Negro in der Nähe von Medellín, doch den Großteil dieser Zeit verbrachte ich doch in der Hauptstadt. Auch wenn mir die Reise bisher großen Spaß gemacht hatte, empfand ich es äußerst angenehm, das Backpackerdasein zu unterbrechen und quasi nur Urlaub bei Verwandten zu machen. Ich hatte Kolumbien schon oft bereist und kannte viele Teile des Landes schon. Daher war diese "Reiseunterbrechung" für mich völlig ok.



Zwischenzeitlich war ich auch ein paar Tage durch eine Grippe erkrankt, weshalb sich mein Aufenthalt in Bogotá noch weiter verlängerte. 
In der ganzen Zeit dachte ich viel über die Fortsetzung meiner Reise nach. Meine gedachte Route in Südamerika sollte mich zunächst nach Brasilien und anschließend nach Argentinien bringen. Allerdings wollte ich vermeiden in den europäischen Sommermonaten in Argentinien zu sein, denn dies würde winterliche Temperaturen bedeuten. Nach Argentinien wollte ich aber noch ausreichend Zeit haben andere Länder zu bereisen. Hinzu kommt die Tatsache dass Südamerika mit seiner Größe und seinen unterschiedlichen Landschaften doch um einiges gewaltiger als Zentralamerika ist und die Wege daher entscheidend länger. Nach reichlicher Überlegung entschied ich mich dafür meine Reise zu verlängern und meinen Rückflug nach Deutschland nicht wie geplant Ende November sondern erst Mitte Februar durchzuführen. Aus diesem Grund erfolg jetzt auch die Titeländerung dieses Blogs. 

Montag, 22. Juni 2015

Islas San Blas - das Karibikparadies zum Abschied aus Zentralamerika

Meine Ankunft in Panama-City verlief etwas unsanft. Der Freund einer meiner Cousins aus Kolumbien hatte mir vorab angeboten, bei ihm zu übernachten. Es machte ihm auch nichts aus, dass ich meine Ankunft auf ca. 4h morgens ankündigte. Doch leider hielt er sein Wort nicht. Weder öffnete er seine Tür, noch war sein Handy eingeschaltet. Nach drei Stunden Warten auf der Straße während der Dämmerung wurde es mir zu dumm. Ich nahm mir ein Taxi zum nächst gelegenen Hostel. 
Nach erfolgreicher Regeneration durch Dusche und einer kurzen Siesta entschied ich mich dafür, mich zunächst auf die Suche nach einer neuen GoPro-Kamera zu machen und wurde in der riesigen Albrook Mall fündig. Jetzt war ich erleichtert. Schließlich hatte ich noch ein Paradies vor mir, mit dem ich mich aus Zentralamerika verabschieden wollte. Da durfte die Kamera einfach nicht fehlen.
Nachdem ich mir einen Tag lang noch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie das Altstadtviertel Casco Viejo und den Panamakanal angesehen hatte, ging es am dritten Tag nach meiner Ankunft endlich los. Das Ziel: Die Islas San Blas, einer Inselgruppe bestehend aus sage und schreibe 365 Inseln an der Karibikküste Panamas, nahe der Grenze zu Kolumbien. Ich hatte hierfür eine 4-tägige Tour gebucht, die passend zu meiner Route, in Kolumbien enden sollte. Unsere Gruppe war ein bunter Mix aus den Nationen USA, Kanada, Neuseeland, Australien, England, Deutschland und Taiwan. Unsere Guides waren Sanne aus Holland und Ben aus Frankreich.
Die Tour startete in Panama-City mit anschließender Fahrt nach Cartí an der Karibikküste des Landes. Ab hier ging es 4 Tage lang nur noch mit dem Boot weiter, wobei wir an allen 4 Tagen auf insgesamt nur 8 Stunden Bootsfahrt kamen. 
"Das muss ein Traum sein", muss eines der häufigsten Gedanken gewesen sein, die uns durch den Kopf gingen, als unser Boot auf einer der Inseln anlegte, auf der noch nicht mal mein Elternhaus darauf Platz gefunden hätte. 


Einige von uns konnten ihre Glücksgefühle und ihr Erstaunen nur durch Sprüche wie z.B. "Wie lautet das WLAN-Passwort hier?" im Gleichgewicht halten. 
Das Wasser war so glasklar, dass man im Stand bis zum Grund hinunterschauen konnte. So manch einer war vom Schnorcheln nicht mehr weg zu kriegen. 


Erst nach ca. 3 Stunden mussten wir unser erstes Inselparadies verlassen um uns kurz darauf auf dem Nächsten wiederzufinden. 
Dort sollten wir auch unsere erste Nacht verbringen. Die Insel war ein klein wenig größer als die Erste und unsere Schlafplätze waren Hütten mit sehr gemütlichen Hängematten.


Am zweiten und dritten Tag ging es mit ähnlichem Entspannungsgrad weiter. 
Unser Übernachtungsquartier am dritten Abend war eine etwas größere Insel, die von etwa 900 Kunas (eine indigene Bevölkerung Panamas, welche das Gebiet der San Blas Inseln (korrekter Name: Guna Yala) im Autonomiestatus bewohnen. Diesen Nachmittag auf dieser Insel werden wir alle nicht so schnell vergessen können. "Es ist so einfach glücklich zu sein", diesen Gedanken teilten wir fast alle miteinander, als eine Meute von Kuna-Kindern um uns herum hüpfte, mit uns spielten, sich von uns auf den Schultern tragen ließen und eine riesen Freude daran hatten, den Speicherplatz auf unseren Kameras fast zur Erschöpfung zu bringen. 


Der 4. Tag bedeutete nicht nur das Ende der Tour und der Abschied aus dem Paradies der San Blas Inseln, sondern auch der Abschied aus Panama und der Abschied aus Zentralamerika. Ebenso lächelte ich aber bei der Grenzüberquerung zu See (von Puerto Obaldía in Panama nach Sapzurro und Capurganá in Kolumbien) zwei Fakten entgegen. Zum einen war ich ab jetzt wieder einmal in Kolumbien. Das Heimatland meiner Mutter, das Land in das ich mich als 16-jähriger verliebte und meine Zuneigung dazu bis heute keine Grenzen kennt. Zum anderen war ich mehr gespannt denn je, was jetzt auf mich zukommen würde, in meinem Geburtskontinent, Südamerika.